Bücher, die ich bisher über Lebensborn veröffentlicht habe …
 

Lebenslang Lebensborn
Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde
Leseprobe
Es ist beinahe ein Ritual. Jedes Mal, wenn ich Grete M. besuche, gehen wir zuerst spazieren. Quer durch das kleine Schwarzwalddorf, vorbei an alten Bauernhöfen und gesichtslosen Neubauten, über schmale Straßen bergauf bis zum Waldrand und noch ein Stück weiter. Zwischendurch bleiben wir stehen, schauen über die Rheinebene, manchmal sieht man die Vogesen, und Grete erklärt mir das unter uns liegende Freiburg.
Seit 41 Jahren lebt die mittlerweile 72-Jährige hier, seit klar wurde, dass Fabian, ihr kleiner Sohn, mit dem Stadtklima Probleme hatte und im höher gelegenen Dorf besser atmen konnte. Dass sie dafür lange Wege in Kauf nahmen, war für Grete und Bernd, ihren Mann, keine Frage. Für ihr Sorgenkind – es kam geistig behindert auf die Welt – hätten sie fast alles getan. Und obwohl Fabian seit 17 Jahren sein eigenes Leben lebt, hört diese Sorge nicht auf. Wenn Grete darüber spricht, wird ihre hohe
Stimme dunkler, und ihre Sätze kommen noch nachdenklicher als sonst.
Sie selbst hat in ihren ersten Lebensjahren Schaden genommen, davon ist Grete überzeugt. Dabei weisen sie – äußerlich betrachtet und im Vergleich mit anderen Lebensborn-Kind-Biografien – keine ungewöhnliche Dramatik auf. Aber Grete hat eine enorme innere Dramatik erlebt, und die kann sie sehr genau beschreiben.
Gretes Mutter Gretel W. stammt aus einer Mecklenburger Gutsbesitzerfamilie, hat fünf Geschwister, ihre Mutter ist zum zweiten
Mal verheiratet. Gretel W. arbeitet als Stenotypistin bei der Luftwaffe in Rerik an der Ostsee, lernt dort den technischen Offizier Karl G. kennen, lässt sich mit ihm ein, wird schwanger. Eine Hochzeit kommt offensichtlich für beide nicht infrage. Die Eltern der 28-Jährigen sind entsetzt, als sie von der Schwangerschaft erfahren, und machen der Tochter klar, dass sie mit einem Kind nicht wieder bei ihnen aufzutauchen brauche. Der gute Ruf der Familie steht auf dem Spiel! Die Leute werden sich das Maul zerreißen!
Gretel W. versteht – und sucht einen Ausweg. Und der kann in diesen Jahren » Lebensborn « heißen. Woher sie die Adresse kennt? Vielleicht von Karl G., vielleicht von Kolleginnen. Für die SS-Organisation ist die junge Frau eine klassische Kandidatin: jung, ledig, in einer Notsituation. Außerdem wird sie als Norddeutsche (» rassisch wertvoll «) und Tochter aus gutem Hause hoch willkommen gewesen sein. Trotzdem müssen Gretel W. und Karl G. einen Ahnenpass und die notwendigen Gesundheitszeugnisse beibringen. Da alles in » SS-Ordnung « ist, bekommt die junge Frau einen Platz im Lebensborn-Heim » Friesland « in der Nähe von Bremen. Ob sie von Anfang an darüber nachdenkt, das Kind zur Adoption zu geben?


Deutsche Mutter bist du bereit. Der Lebensborn und seine Kinder
Leseprobe
Gibt es denn immer noch etwas über diesen Lebensborn zu recherchieren? fragen Kollegen und Kolleginnen gerne, wenn sie mitbekommen, dass ich wieder einmal von einem Interview mit einem Lebensborn-Kind zurückkomme. Wann hörst du endlich damit auf? wollen besorgte Freunde wissen, die das Gefühl haben, ich hätte mich in das Thema verrannt. Wenn ich den letzten davon überzeugt habe, dass diese Organisation keine Zuchtanstalt war, gebe ich dann gerne zurück. Oder: Wenn meine Datenbank über „Heim Friesland“ komplett ist. Oder, schon ziemlich genervt: Wenn alle Beteiligten tot sind und ich niemand mehr ausfragen kann.
Im Ernst: Es gibt immer noch neue, überraschende Informationen über den Lebensborn. Zum Beispiel im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes, das erst seit ein paar Jahren seine Türen für Betroffene und für die Forschung geöffnet hat. Dort liegen sage und schreibe 102 Ordner mit Dokumenten zum Thema Lebensborn, und jeder enthält schätzungsweise 400 Blatt! Ein spannendes Material – gerade was „Heim Friesland“ betrifft, das Lebensborn-Heim am Stadtrand von Bremen, das den Focus des vorliegenden Buches bildet. Da gibt es skurrile Dokumente wie eine detaillierte Auflistung, wer aus welchem Grund wie viel Gramm Kaffee bekommen hat – Kaffee war im Krieg rationiert, auch für eine nachts arbeitende Hebamme. Und ein paar Seiten weiter entdeckt man eine Korrespondenz über ein behindertes Lebensborn-Kind, das in eine Tötungsanstalt verlegt wurde. Neben dem rührenden Bittbrief einer Lebensborn-Schwester, die ihr Kind mit in Urlaub nehmen wollte, aber keine Erlaubnis dazu bekam, finden sich erschreckend viele Krankenstatistiken, die den guten Ruf der Entbindungsheime in Frage stellen …
Die Dokumente sind aber nur das eine. Was mich immer wieder neu fasziniert, sind die Begegnungen mit Menschen, die in Kontakt mit der Organisation waren, als Mütter, als Angestellte, als Lebensborn-Kinder. Es gibt tatsächlich noch ein paar sehr alte Frauen, die bereit sind, endlich von ihrer Zeit im Lebensborn-Heim erzählen – und die ein verblüffend gutes Gedächtnis haben. Und dann sind da die „Kinder“, Frauen und Männer zwischen 65 und 75, die in einem der Lebensborn-Heime geboren sind oder eine Zeitlang dort untergebracht waren. Auch sie wollen ihre Geschichte erzählen und sich austauschen - wenn sie einmal beschlossen haben, das jahrzehntelange Schweigen zu beenden. Und dabei wird klar: Keine Biografie gleicht der anderen, jede fügt der Geschichte der Organisation eine Facette hinzu.


Kind L 364. Eine Lebensborn-Familiengeschichte
Leseprobe

„Kiste wohlbehalten angekommen, Eleonore“. Mehr steht nicht auf dem Zettel. Die Heimsekretärin schüttelt den Kopf. Ein merkwürdiger Text für ein Telegramm. Dann muss sie lächeln. Wenn es um die Geheimhaltung geht, sind die Mütter wirklich erfinderisch. Eleonore kümmert es nicht, was die Sekretärin von ihr denkt. Hauptsache ihre Mutter, an die das Telegramm gerichtet ist, versteht die Botschaft: Das Kind, das sie vor ein paar Stunden auf die Welt gebracht hat, ist ein Mädchen - eine Kiste eben, kein Kasten. Und es geht ihm gut. Aber draußen soll niemand etwas von der Geburt erfahren, auch der Postbote nicht. Deshalb hat sie mit ihrer Mutter diesen Code vereinbart.
Ein paar Stunden später telegrafiert die frischgebackene Großmutter zurück: „Dank für Kistenfreude ihr und Lieferantin glückliche Erfolge. Dösi“. Auch Dösi – so wird Eleonores Mutter Hedwig Holtz von allen genannt, seit ihre Enkelkinder aus „Größchen“ „Döschen“ und „Dösi“ gemacht haben - hält sich an die Absprache. Und sie tut noch ein Übriges: Sie schickt ihren Glückwunsch nicht direkt an Eleonore, sondern an eine dritte Person, an „Ruthgisela M., Kinderheim Steinhöring“. Mit dieser Frau hat Eleonore sich im Heim angefreundet. Sie weiß Bescheid und wird das Telegramm sofort weiterreichen. So ist es abgemacht. Hedwig Holtz baut sogar noch eine dritte Sicherheitsstufe ein. Sie gibt als Adresse „Kinderheim Steinhöring“ an und nicht „Lebensbornheim Steinhöring“. Denn auch das soll niemand erfahren: Eleonore, ihre Tochter, eine Witwe mit zwei kleinen Kindern, ist in ein Lebensbornheim gegangen, um ihr drittes - uneheliches - Kind auf die Welt zu bringen. Im Grunde wäre es der 64jährigen am liebsten, ihre Tochter hätte das Baby überhaupt nicht bekommen. Ein uneheliches Kind ist und bleibt eine Schande. Wie konnte Eleonore sich nur von ihrem Liebhaber schwängern lassen? Sicher, der Mann ist sympathisch. Und standesgemäß ist er auch, als kaufmännischer Direktor bei den Metzeler-Werken in München. Aber er ist verheiratet und nicht geschieden, wie er immer erzählt hat.


„Deutsche Mutter, bist du bereit …“ Alltag im Lebensborn
Leseprobe
Schon in der Nazizeit gab es Spekulationen und Gerüchte über die Entstehung der Lebensborn-Kinder. Schließlich galten sie als durch und durch „arisch“, und ihre Eltern waren nach dem „strengen erbbiologischen Ausleseprinzip der Schutzstaffel“ ausgesucht worden, wie eine Informationsbroschüre des Lebensborn erklärte. Deutete das nicht darauf hin, dass die SS auch bei der Entstehung dieser Kinder eine Rolle spielte? Hatte nicht Heinrich Himmler, Reichsführer SS und oberster Schirmherr des Lebensbon, SS-Männer und „deutsche Frauen und Mädel guten Blutes“ aufgefordert, Kinder zu zeugen – ohne Rücksicht auf Sitte und Moral, nur „im Glauben an den Führer und im Willen zum ewigen Leben unseres Blutes?“
Es kann nicht anders sein: Die Lebensborn-Heime müssen „Edelbordelle“ gewesen sein, in denen die „Zuchtbullen der SS“ – Ausdrücke, die schon in der NS-Zeit kursierten – mit ausgesuchten Mädchen und Frauen zusammengebracht wurden, um Nachwuchs für eine „arische Elite“ zu zeugen. Dass in den Lebensborn-Heimen keine derartige Praxis betrieben wurde, ist längst nachgewiesen. Was machte und macht die Vorstellung dennoch so attraktiv, dass sie bis heute in den Köpfen herumgeistert und neugierige Fragen provoziert? Die Verbindung von Macht und Unschuld, die im Bild von den schwarz uniformierten SS-Männern und den blonden Mädchen steckt – wobei die Betonung auf Mädchen liegt und den beteiligten Frauen gern mädchenhafte Naivität attestiert wird. Ist es die Konstellation: Die Schöne und das Biest? Eine Allegorie, die hier für das deutsche Volk und den Faschismus steht? Oder die unterstellte Verbindung von „sex and crime“?