Bücher, in denen die
SS-Organisation Lebensborn eine Rolle spielt …
 

Raubkind
Von der SS nach Deutschland verschleppt
Leseprobe

Er wälzt sich auf die Seite, zieht die Beine an, macht sich wieder lang – nein, so wird das nichts. Also auf die andere Seite. Sofort spürt er sein Herz. Wieder auf den Rücken. Der Wecker tickt. Dreißig Jahre ist das Ding bestimmt schon alt. Und funktioniert immer noch. Sonja schnarcht leise. Eigentlich stört es ihn. Aber er hat sich daran gewöhnt. Wie er sich immer an alles gewöhnt hat, von klein auf.
Er kann einfach nicht einschlafen. Die Gedanken rasen durch seinen Kopf, springen hin und her, nichts lässt sich fassen und zu Ende führen, alles geht durcheinander. Und „Stopp“ kann er auch nicht sagen.
Er muss einfach immer daran denken. Wenn er das Gras mäht, wenn er zum Einkaufen fährt, wenn er seine 500 fünfhundert Meter schwimmt. Und wenn er mit Sonja zusammen ist, sowieso. Dann reden sie darüber, immer und immer wieder. Bis Sonja meint: Lass uns doch mal über was anderes reden. Also reden sie über was anderes – aber für ihn ist es immer da, auch wenn er versucht, es beiseite zu schieben.
Kannst du wieder nicht schlafen, Klaus?, fragt Sonja plötzlich. Soll ich dir eine Tablette holen?
Nein, nein. Er wehrt ab. Entschuldigt sich, weil er sie geweckt hat. Liegt still, obwohl ihm das schwer fällt.
Als neulich dieser Brief im Kasten lag, wusste er sofort: Da kommt etwas auf ihn zu. Das wird ihn nicht mehr los lassen. Und wie auf Kommando hatte sein Herz angefangen zu holpern.
Dabei hatte die Journalistin nur geschrieben, sie sei durch ein Buch auf ihn aufmerksam geworden. Ein Buch  über die SS-Familie Schäfer, das Ingeburg Schäfer, die älteste Tochter verfasst habe. „Mutter mochte Himmler nie“ - er kenne das Buch sicherlich. Er sei doch 1944 als Pflegekind zu dieser Familie gekommen, aus dem Lebensborn-Heim in Bad Polzin. Ob er sich an dieses Heim erinnern könne? Ob er wisse, warum er dort gewesen sei? Darüber würde sie gerne mit ihm reden. Sie beschäftige sich nämlich mit dem Lebensborn, auch mit dem Heim in Bad Polzin ...
Das will ich nicht! war sein erster Gedanke gewesen. Ich weiß darüber gar nichts. Und ich will auch nicht darüber reden.
Jetzt muss er sich doch wieder umdrehen.
Fünfundsiebzig Jahre hat er jetzt gelebt, ohne etwas über die Zeit zu wissen, bevor er zu den Schäfers gekommen ist. Und schlecht waren diese Jahre nicht. Wirklich nicht. Aber so einfach lässt sich das Thema nicht beiseite schieben.
Nein, Sonja ist nicht schuld. Sie hat natürlich nach dem Brief gefragt und ihn natürlich auch gelesen. Seitdem reden sie darüber. Nein – jetzt liegt er wieder auf dem Rücken –, er ist selbst schuld. Weil er sich immer wieder vorstellt, er würde sich auf die Journalistin einlassen. Er würde ihr seine Geschichte erzählen … Vielleicht könnte sie herausfinden, was damals passiert ist. Vor fünfundsiebzig Jahren. Mit ihm. Mit seinen richtigen Eltern, Friedrich und Maria B.
Die Schäfers haben ihm immer gesagt, die beiden seien tot, der Vater gefallen, die Mutter kurz nach der Geburt gestorben. Deshalb hätten sie ihn als Pflegekind in ihre Familie aufgenommen. Deshalb hätte er auch einen anderen Nachnamen. Er hat das natürlich geglaubt. Lange. Aber irgendwann fing er an zu zweifeln …
Jetzt ist er so wach, dass er aufstehen muss. Am liebsten würde er sich an eine Werkbank stellen und hobeln. Die gleichmäßige Bewegung täte gut. Oder mit einem Hund durch die Straßen laufen – wenn sie einen Hund hätten. Er wird uns überleben, sagt Sonja immer. Außerdem macht er Dreck. Sie hat sowieso schon genug Arbeit mit der Wohnung.
Im Flur schaut er kurz in den Werkzeugschrank. Streicht zärtlich über die schönen alten Hobel, die ihm ein alter Schreiner überlassen hat. Die Griffe glänzen, so glatt ist das Holz. Ja, er hat immer gerne gearbeitet. War ein guter Beruf. Und praktisch. Die Anbauwand, den Couchtisch, den Musikschrank – alles hat er selbst gebaut.
Er legt sich aufs Sofa, schaltet den Fernseher ein, schaut hin ohne etwas zu sehen. Wer ist überhaupt diese Journalistin? Ob sie seine Geschichte ausschlachten will? Es gehe ihr um den Lebensborn, hat sie gestern am Telefon gesagt. Und was in den Heimen der SS-Organisation wirklich passiert ist. Mit den Müttern und vor allem mit den Kindern. Er ist also nur einer von vielen, mit denen sie redet. Das hat ihm gefallen. Da konnte er ihr nicht einfach absagen, sondern hat um Bedenkzeit gebeten. Jetzt macht sie sich natürlich Hoffnungen.
Wie kommt sie eigentlich darauf, dass er etwas mit dem Lebensborn zu tun hat? In Inges Buch ist davon nicht die Rede. Oder doch? Er steht auf und holt sich das Buch, das die Stiefschwester über ihre Familie geschrieben hat. Wie immer schaut er sich zuerst die Fotos im Mittelteil an. Das letzte Bild zeigt ihn mit den vier Schäfer-Kindern und der Stiefmutter. … Damals war er acht oder neun und lebte schon ein paar Jahre bei ihnen. Er blättert nach vorn, wo ein Zettel steckt. Die Stelle, die ihn betrifft, ist rot angestrichen. Sie stammt aus einem Brief der Stiefmutter:

„Ich war an diesem Tage nach Polzin gefahren, um mir aus dem Heim … unseren Pflegesohn Klaus zu holen. Er ist elternlos, im gleichen Alter wie Volker, kommt also mit ihm zusammen zur Schule, sieht nett aus, blond und blauäugig, und hat sich schon gut bei uns eingelebt. Da er lange in Heimen war, ist die Lage seiner Kleidung katastrophal. So renne ich täglich alle Geschäfte nach diesem und jenem ab ...“

Das hatte die Stiefmutter ihren Eltern geschrieben. Im Frühjahr 1944, kurz nachdem sie ihn aus dem Heim geholt hatte. Und ausgerechnet diese Stelle ist der Journalistin aufgefallen. Obwohl die Stiefmutter das Wort Lebensborn in ihrem Brief gar nicht erwähnt. Allerdings hat sie auch kein Wort darüber verloren, dass nicht nur der Zustand seiner Kleidung katastrophal war, sondern seine ganze Verfassung. Das hat Inge im Buch ergänzt. Er habe offene Wunden an Händen und Füßen gehabt, eine Folge von „Frostschäden“, schreibt sie. Dazu „seelische Schäden“ … Ja, ja, er war Bettnässer. Er konnte doch nichts dafür. Viele Heimkinder sind Bettnässer. Woher Inge das eigentlich weiß? Hat sie mit der Stiefmutter darüber gesprochen? Als das Buch herauskam, war Eva Schäfer doch schon lange tot.
Warum hat Inge dieses Buch überhaupt geschrieben? Er weiß bis heute nicht, was sie damit erreichen wollte. Den Vater anklagen, weil er in der SS war? Oder umgekehrt – den Vater entschuldigen? Wen interessiert es denn heute noch, dass Johannes Schäfer ein Nazi mit Dreck am Stecken war?
Die Journalistin offenbar schon, sonst hätte sie Inges Buch ja nicht gelesen …
Inge! Inge wird der Journalistin erzählt haben, dass das Heim in Bad Polzin ein Lebensborn-Heim war. Er selbst hat das ja erst mit neunzehn erfahren, als er nach Süddeutschland gegangen ist. Lange her. Damals haben die Stiefeltern ihm einen Brief mitgegeben – zu einer Aussprache waren sie wohl zu feige. In dem Brief stand kurz und knapp, sie hätten ihn aus einem Lebensborn-Heim geholt. Das war alles. Kein Wort darüber, was Lebensborn bedeutet und warum er in diesem Heim war …. Trotzdem war er so erschrocken, dass er den Brief sofort zerrissen und weggeworfen hat. Als hätte er nie existiert. Vergessen konnte er ihn allerdings nie.
Er rappelt sich hoch. Doch, eigentlich würde er gerne wissen, was damals geschehen ist, warum er im Heim war, in diesem Heim, und was mit seinen Eltern passiert ist. Vielleicht kann die Journalistin … Aber in die Zeitung will er nicht, und ins Fernsehen erst recht nicht!
Er öffnet die Balkontür, atmet tief durch, macht ein paar Schritte nach draußen, schaut hinunter auf die Stadt. Wie immer hat er das Gefühl, als könnte er sich an die Hügel in seinem Rücken anlehnen. Die Luft ist mild. Es ist still, alle schlafen. Warum werden die Straßenlaternen nachts eigentlich nicht ausgeschaltet? Reine Verschwendung. Er holt sich eine Decke, wickelt sich ein, legt sich auf die Liege, schaut in den Himmel. Sind da Sterne? Dann schläft er ein.

 

Lebenslang Lebensborn
Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde
Leseprobe
Es ist beinahe ein Ritual. Jedes Mal, wenn ich Grete M. besuche, gehen wir zuerst spazieren. Quer durch das kleine Schwarzwalddorf, vorbei an alten Bauernhöfen und gesichtslosen Neubauten, über schmale Straßen bergauf bis zum Waldrand und noch ein Stück weiter. Zwischendurch bleiben wir stehen, schauen über die Rheinebene, manchmal sieht man die Vogesen, und Grete erklärt mir das unter uns liegende Freiburg.
Seit 41 Jahren lebt die mittlerweile 72-Jährige hier, seit klar wurde, dass Fabian, ihr kleiner Sohn, mit dem Stadtklima Probleme hatte und im höher gelegenen Dorf besser atmen konnte. Dass sie dafür lange Wege in Kauf nahmen, war für Grete und Bernd, ihren Mann, keine Frage. Für ihr Sorgenkind – es kam geistig behindert auf die Welt – hätten sie fast alles getan. Und obwohl Fabian seit 17 Jahren sein eigenes Leben lebt, hört diese Sorge nicht auf. Wenn Grete darüber spricht, wird ihre hohe
Stimme dunkler, und ihre Sätze kommen noch nachdenklicher als sonst.
Sie selbst hat in ihren ersten Lebensjahren Schaden genommen, davon ist Grete überzeugt. Dabei weisen sie – äußerlich betrachtet und im Vergleich mit anderen Lebensborn-Kind-Biografien – keine ungewöhnliche Dramatik auf. Aber Grete hat eine enorme innere Dramatik erlebt, und die kann sie sehr genau beschreiben.
Gretes Mutter Gretel W. stammt aus einer Mecklenburger Gutsbesitzerfamilie, hat fünf Geschwister, ihre Mutter ist zum zweiten
Mal verheiratet. Gretel W. arbeitet als Stenotypistin bei der Luftwaffe in Rerik an der Ostsee, lernt dort den technischen Offizier Karl G. kennen, lässt sich mit ihm ein, wird schwanger. Eine Hochzeit kommt offensichtlich für beide nicht infrage. Die Eltern der 28-Jährigen sind entsetzt, als sie von der Schwangerschaft erfahren, und machen der Tochter klar, dass sie mit einem Kind nicht wieder bei ihnen aufzutauchen brauche. Der gute Ruf der Familie steht auf dem Spiel! Die Leute werden sich das Maul zerreißen!
Gretel W. versteht – und sucht einen Ausweg. Und der kann in diesen Jahren » Lebensborn « heißen. Woher sie die Adresse kennt? Vielleicht von Karl G., vielleicht von Kolleginnen. Für die SS-Organisation ist die junge Frau eine klassische Kandidatin: jung, ledig, in einer Notsituation. Außerdem wird sie als Norddeutsche (» rassisch wertvoll «) und Tochter aus gutem Hause hoch willkommen gewesen sein. Trotzdem müssen Gretel W. und Karl G. einen Ahnenpass und die notwendigen Gesundheitszeugnisse beibringen. Da alles in » SS-Ordnung « ist, bekommt die junge Frau einen Platz im Lebensborn-Heim » Friesland « in der Nähe von Bremen. Ob sie von Anfang an darüber nachdenkt, das Kind zur Adoption zu geben?


Deutsche Mutter bist du bereit
Der Lebensborn und seine Kinder

Erweiterte Neuausgabe
Leseprobe
Gibt es denn immer noch etwas über diesen Lebensborn zu recherchieren? fragen Kollegen und Kolleginnen gerne, wenn sie mitbekommen, dass ich wieder einmal von einem Interview mit einem Lebensborn-Kind zurückkomme. Wann hörst du endlich damit auf? wollen besorgte Freunde wissen, die das Gefühl haben, ich hätte mich in das Thema verrannt. Wenn ich den letzten davon überzeugt habe, dass diese Organisation keine Zuchtanstalt war, gebe ich dann gerne zurück. Oder: Wenn meine Datenbank über „Heim Friesland“ komplett ist. Oder, schon ziemlich genervt: Wenn alle Beteiligten tot sind und ich niemand mehr ausfragen kann.
Im Ernst: Es gibt immer noch neue, überraschende Informationen über den Lebensborn. Zum Beispiel im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes, das erst seit ein paar Jahren seine Türen für Betroffene und für die Forschung geöffnet hat. Dort liegen sage und schreibe 102 Ordner mit Dokumenten zum Thema Lebensborn, und jeder enthält schätzungsweise 400 Blatt! Ein spannendes Material – gerade was „Heim Friesland“ betrifft, das Lebensborn-Heim am Stadtrand von Bremen, das den Focus des vorliegenden Buches bildet. Da gibt es skurrile Dokumente wie eine detaillierte Auflistung, wer aus welchem Grund wie viel Gramm Kaffee bekommen hat – Kaffee war im Krieg rationiert, auch für eine nachts arbeitende Hebamme. Und ein paar Seiten weiter entdeckt man eine Korrespondenz über ein behindertes Lebensborn-Kind, das in eine Tötungsanstalt verlegt wurde. Neben dem rührenden Bittbrief einer Lebensborn-Schwester, die ihr Kind mit in Urlaub nehmen wollte, aber keine Erlaubnis dazu bekam, finden sich erschreckend viele Krankenstatistiken, die den guten Ruf der Entbindungsheime in Frage stellen …
Die Dokumente sind aber nur das eine. Was mich immer wieder neu fasziniert, sind die Begegnungen mit Menschen, die in Kontakt mit der Organisation waren, als Mütter, als Angestellte, als Lebensborn-Kinder. Es gibt tatsächlich noch ein paar sehr alte Frauen, die bereit sind, endlich von ihrer Zeit im Lebensborn-Heim erzählen – und die ein verblüffend gutes Gedächtnis haben. Und dann sind da die „Kinder“, Frauen und Männer zwischen 65 und 75, die in einem der Lebensborn-Heime geboren sind oder eine Zeitlang dort untergebracht waren. Auch sie wollen ihre Geschichte erzählen und sich austauschen - wenn sie einmal beschlossen haben, das jahrzehntelange Schweigen zu beenden. Und dabei wird klar: Keine Biografie gleicht der anderen, jede fügt der Geschichte der Organisation eine Facette hinzu.


Kind L 364
Eine Lebensborn-Familiengeschichte

Leseprobe

„Kiste wohlbehalten angekommen, Eleonore“. Mehr steht nicht auf dem Zettel. Die Heimsekretärin schüttelt den Kopf. Ein merkwürdiger Text für ein Telegramm. Dann muss sie lächeln. Wenn es um die Geheimhaltung geht, sind die Mütter wirklich erfinderisch. Eleonore kümmert es nicht, was die Sekretärin von ihr denkt. Hauptsache ihre Mutter, an die das Telegramm gerichtet ist, versteht die Botschaft: Das Kind, das sie vor ein paar Stunden auf die Welt gebracht hat, ist ein Mädchen - eine Kiste eben, kein Kasten. Und es geht ihm gut. Aber draußen soll niemand etwas von der Geburt erfahren, auch der Postbote nicht. Deshalb hat sie mit ihrer Mutter diesen Code vereinbart.
Ein paar Stunden später telegrafiert die frischgebackene Großmutter zurück: „Dank für Kistenfreude ihr und Lieferantin glückliche Erfolge. Dösi“. Auch Dösi – so wird Eleonores Mutter Hedwig Holtz von allen genannt, seit ihre Enkelkinder aus „Größchen“ „Döschen“ und „Dösi“ gemacht haben - hält sich an die Absprache. Und sie tut noch ein Übriges: Sie schickt ihren Glückwunsch nicht direkt an Eleonore, sondern an eine dritte Person, an „Ruthgisela M., Kinderheim Steinhöring“. Mit dieser Frau hat Eleonore sich im Heim angefreundet. Sie weiß Bescheid und wird das Telegramm sofort weiterreichen. So ist es abgemacht. Hedwig Holtz baut sogar noch eine dritte Sicherheitsstufe ein. Sie gibt als Adresse „Kinderheim Steinhöring“ an und nicht „Lebensbornheim Steinhöring“. Denn auch das soll niemand erfahren: Eleonore, ihre Tochter, eine Witwe mit zwei kleinen Kindern, ist in ein Lebensbornheim gegangen, um ihr drittes - uneheliches - Kind auf die Welt zu bringen. Im Grunde wäre es der 64jährigen am liebsten, ihre Tochter hätte das Baby überhaupt nicht bekommen. Ein uneheliches Kind ist und bleibt eine Schande. Wie konnte Eleonore sich nur von ihrem Liebhaber schwängern lassen? Sicher, der Mann ist sympathisch. Und standesgemäß ist er auch, als kaufmännischer Direktor bei den Metzeler-Werken in München. Aber er ist verheiratet und nicht geschieden, wie er immer erzählt hat.


„Deutsche Mutter, bist du bereit …“
Alltag im Lebensborn

Leseprobe
Schon in der Nazizeit gab es Spekulationen und Gerüchte über die Entstehung der Lebensborn-Kinder. Schließlich galten sie als durch und durch „arisch“, und ihre Eltern waren nach dem „strengen erbbiologischen Ausleseprinzip der Schutzstaffel“ ausgesucht worden, wie eine Informationsbroschüre des Lebensborn erklärte. Deutete das nicht darauf hin, dass die SS auch bei der Entstehung dieser Kinder eine Rolle spielte? Hatte nicht Heinrich Himmler, Reichsführer SS und oberster Schirmherr des Lebensbon, SS-Männer und „deutsche Frauen und Mädel guten Blutes“ aufgefordert, Kinder zu zeugen – ohne Rücksicht auf Sitte und Moral, nur „im Glauben an den Führer und im Willen zum ewigen Leben unseres Blutes?“
Es kann nicht anders sein: Die Lebensborn-Heime müssen „Edelbordelle“ gewesen sein, in denen die „Zuchtbullen der SS“ – Ausdrücke, die schon in der NS-Zeit kursierten – mit ausgesuchten Mädchen und Frauen zusammengebracht wurden, um Nachwuchs für eine „arische Elite“ zu zeugen. Dass in den Lebensborn-Heimen keine derartige Praxis betrieben wurde, ist längst nachgewiesen. Was machte und macht die Vorstellung dennoch so attraktiv, dass sie bis heute in den Köpfen herumgeistert und neugierige Fragen provoziert? Die Verbindung von Macht und Unschuld, die im Bild von den schwarz uniformierten SS-Männern und den blonden Mädchen steckt – wobei die Betonung auf Mädchen liegt und den beteiligten Frauen gern mädchenhafte Naivität attestiert wird. Ist es die Konstellation: Die Schöne und das Biest? Eine Allegorie, die hier für das deutsche Volk und den Faschismus steht? Oder die unterstellte Verbindung von „sex and crime“?