Das sind 20 Gramm Kaffee, grob gemahlen. Dürfte für 2 Tassen reichen ... ©dsk



Wer bekommt Himmlers Kaffee?
Kaffeeverteilung im Lebensborn-Heim
 

Neulich konnte ich wieder mal im Dokumentenberg der Arolsen Archives graben.
Nachdem ich meine ´eigentliche´ Frage abgearbeitet hatte, stöberte ich noch ein bisschen in den Lebensborn-Dokumenten. Beim Ordner „Kaffeeverteilung“ blieb ich hängen.
Er enthält Listen, die akribisch protokollieren, wer wieviel und warum von dem
Extra-Kaffee bekommen hat, den Heinrich Himmler höchstpersönlich den Lebensborn-Heimen spendiert hat. Ein schönes Beispiel deutscher Gründlichkeit, diese Listen … 
Abgesehen davon entpuppten sie sich als Info-Pool für die Geschichtsschreibung. Vor dem Hintergrund meiner Kenntnis von „Heim Friesland“ (aufgeschrieben in meinem Buch „Deutsche Mutter, bist du bereit“) fand ich eine Menge neuer Details.

  • Aus den Listen geht hervor, wer zu welchem Zeitpunkt im Heim angestellt war. Als Verwalter und Oberschwester, Hebamme und Sekretärin, NS-Schwester und FHD-Mädchen (Frauenhilfsdienst-Mädchen – vgl. Blog 17), Monteur, Fahrer, Gärtner etc. Gelegentlich tauchen auch Mütter auf. Während bei ihnen nur die Vornamen stehen, zum Beispiel Frau Else oder Frau Lotte, nennt die Liste bei den Angestellten auch den Nachnamen! Eine Neuigkeit, denn in anderen Dokumenten heißt es in der Regel nur „Schwester Helene“ oder „Schwester Marta“ … 

  • Da die Listen Monat für Monat geschrieben wurden (Februar 1940-Juli 1942), sind genaue Datierungen möglich. Die Hebamme Toni Kaldewey hat im März 1941 das Heim verlassen, denn im April taucht ihr Name nicht mehr auf. Das Stichwort „Abschiedsfeier“ und das Datum markieren den Zeitpunkt, an dem die Oberschwester Berta Betz (in der "Deutschen Mutter ..." Buch habe ich die Namen anonymisiert) „Heim Friesland“ den Rücken gekehrt hat, um in Norwegen das erste Lebensborn-Heim aufzubauen ...

  • Aus den Listen erfährt man, an wen der Extra-Kaffee ausgeschenkt wurde. Mütter bekamen ihn wegen „Erschöpfung“ unter der Geburt, die Hebamme, weil die Geburt so lange dauerte. Bei Verwalter, Sekretärin und Oberschwester heißt es immer wieder „Nachtarbeit“ – die häuft sich, als das Heim vom Entbindungsheim zum SS-Erholungsheim umstrukturiert wurde.
    Je länger der Krieg dauerte, desto öfter war „Alarmwache“, „Wache bei Fliegeralarm“ oder einfach „Alarm“ der Grund für 30, 50, 100 Gramm Kaffee in der Nacht. Das Heim lag in der Einflugschneise der britischen Bomber, die es auf die Bremer Häfen abgesehen hatten. Im Monat August 1941 zum Beispiel gab es nur wenige Nächte, in denen keine „Wache“ gehalten wurde.

  • Und dann gab es Kaffee bei besonderen Anlässen: Etwa am 1. Mai oder an Pfingsten (ein christlicher Feiertag!!), beim „Ende der Ernte“ (vermutlich im Gemüsegarten des Heims) – oder schlicht und ergreifend, weil „Sonntag“ war. Dann bekamen „alle Angestellten“ das rationierte Gebräu. 

Frage: Sind diese Details wirklich wichtig? Ich meine – ja! Anhand dieser Dokumente lassen sich die Berichte der Zeitzeuginnen noch einmal gegen-checken. Als ich sie vor vielen Jahren interviewt habe, waren sie schon betagt, ihre Zeit in „Heim Friesland“ lag weit zurück. 
Und noch etwas. Mit den kompletten Schwestern-Namen könnte eine Studie über diese Gruppe von Lebensborn-Angestellten starten!

PS Es gibt diese Listen für alle Lebensborn-Heime, ich habe nur diejenigen genauer studiert, die „Heim Friesland/Hohehorst“ betreffen

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