Czesław an der Hand seiner Großmutter. Dahinter seine Mutter (zweite von links)
und ihre Geschwister ©Mitrenga/dsk

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Klaus ist tot - ein Nachruf
 

Nachrichten vom Tod eines Lebensborn-Kindes, das ich persönlich kenne,
erreichen mich jetzt häufiger. Dass (angesichts ihres Alters) damit zu rechnen ist, ändert nichts daran, dass mich diese Nachrichten traurig machen.

Bei Klaus ist es mehr. Nicht nur, weil ich ihn immer wieder interviewt und später
den Kontakt zu ihm gehalten habe. Nicht nur, weil ich seine Frau, seine Geschwister und ihre Familien kennen lernen konnte. Auch und vor allem, weil ich mit meinen Recherchen massiv in sein Leben eingegriffen habe. Weil ich verantwortlich dafür bin, dass er mit 76 Jahren – plötzlich eine neue Identität bekam.
Aus dem deutschen Waisenkind wurde ein polnisches Raubkind.

Als Fünfjähriger war er 1943 aus dem Haus seiner polnischen Familie verschleppt geworden. Über mehrere Stationen landete er im Lebensborn-Heim in Bad Polzin – versehen mit einem deutschen Namen, einem falschen Geburtsdatum, mit gelöschten Erinnerungen, im Mund die frisch erworbene deutsche Sprache.
Von dort kam er zur SS-Familie Schäfer, die ihm immer wieder erzählte, er stamme aus Dresden, seine Eltern seien tot. Tatsächlich hatte Klaus eine Mutter und einen Großvater, die ihn nach dem Krieg suchten. Die ihn nicht finden konnten, weil die SS-Familie Schäfer (nach wie vor überzeugte Nationalsozialisten) die Behörden belogen. Lediglich die „Herkunft“ aus dem Lebensborn-Heim gaben sie Klaus mit auf dem Lebensweg.

Jahrzehnte später nahm ich Kontakt zu ihm auf. In einem Buch hatte ich ein paar Sätze über ihn gelesen – und sofort den Verdacht, er könnte ein Raubkind sein.
Und dann begegnete ich einem Mann …
der zögerte, als ich ihm vorschlug zu recherchieren;
der lange brauchte, bis er - immer noch skeptisch – einwilligte;
der tief erschrocken war, als er erfuhr, in den Arolsen Archives gebe es eine Akte
mit eindeutigen Belegen: Dass er ein „Ostkind“ sei, das seiner polnischen Familie gestohlen wurde;
der zusammenbrach, als sich herausstellte, dass er drei Halbgeschwister hatte –
er, der immer ohne Familie gewesen war.

Als der erste Brief von seiner Schwester aus Jarocin kam, war Klaus irritiert – und glücklich. Barbara schrieb, dass sie von ihm gewusst hatten, dass sie die Geschichte seiner Verschleppung kannten, dass seine Mutter immer um ihn getrauert hatte. Sie schickte Fotos, die ihn als Kind zeigten. Sie erklärte, dass sie ihn liebten, dass sie ihn unbedingt kennen lernen wollten. Aber Klaus hatte Einwände: Wie sollte das gehen? Sie hatten keine gemeinsame Sprache! Und er würde auf keinen Fall nach Polen fahren – da mochte seine Frau noch so sehr drängen.

Wie klug von ihm. Er wusste, er spürte, dass er die Konfrontation nicht aushalten würde. Also bin ich gefahren, habe Fotos, Stimmen, Eindrücke gesammelt. Klaus hörte sich alles an, sagte wenig … Er brauchte immer noch Distanz. Erst als Monate später seine Schwestern zu Besuch kamen, brach das Eis.
Seitdem hat Klaus viele Briefe mit Klaus/Czesław unterschrieben, seinem polnischen Vornamen. Seitdem hat er regelmäßig mit Krystian, dem Mann einer Nichte, telefoniert – dem einzigen in der Familie, der Deutsch spricht. Dreimal haben seine Geschwister ihren großen Bruder in Süddeutschland besucht. Beim letzten Mal kamen sie zu siebt. Die Familie hat die Entschädigung, die Baden-Württemberg 2022 gezahlt hat, in ein großes Familientreffen investiert.
Im Januar 2026 ist Klaus gestorben. Im Juni bzw. im August wäre er 88 bzw. 87 Jahre alt geworden – er hatte zwei Geburtsdaten.

Die ganze Geschichte - auch den Weg der langen Recherche seines Schicksals - habe ich in meinem Buch "Raubkind. Von der SS nach Deutschland verschleppt" aufgeschrieben. 

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