Foto aus einem undatierten Personalbogen Krumeys, vermutlich Anfang der 1940er Jahre

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Hermann Krumey -
ein NS-Verbrecher, wie er im Buche steht
 

Der Name Krumey ist mir immer wieder aufgefallen. Zum ersten Mal las ich ihn, als ich mich mit den Kindern von Lidice beschäftigt habe.
Lidice war ein tschechisches Dorf, das nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich (stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren) zum Ort einer „Vergeltungsaktion“ bestimmt wurde. Am 9. Juni 1942 stürmten Gestapo, SD und Schutzpolizei unter SS-Kommando das Dorf. Sie steckten es in Brand, erschossen die Männer, verfrachteten die Frauen ins KZ Ravensbrück – und die meisten Kinder nach Litzmannstadt. Warum? Sie sollten auf ihre „Germanisierungsfähigkeit“ gecheckt werden. Sieben schienen den selbsternannten Rasse-Spezialisten der SS geeignet – die anderen, es waren 81 Mädchen und Jungen, wurden zur „Sonderbehandlung“ ins KZ Kulmhof verfrachtet und ermordet. Veranlasst hat dies der Leiter der „Umwandererzentralstelle“ (UWZ) in Łódź – Hermann Krumey.

Ein Mann, durchdrungen von Rassenhass. Der alles Nicht-Deutsche - Polnisches, Tschechisches, Ungarisches und alles Jüdische - für minderwertig hielt und vor der Vernichtung dieser Menschen nicht zurückschreckte. Ein Mann aus dem Sudetengau, der sich schon früh radikalisierte, 1938 in die NSDAP und die SS eintrat und bald zum Obersturmbannführer aufstieg. Der seit November 1939 in Litzmannstadt (früher Łódź) die UWZ leitete, die Vertreibung von (christlichen) Polen aus dem Warthegau lenkte (390 000 Menschen), jüdische Polen in Lager deportieren ließ, tschechische Kinder ins Gas schickte, die Räumung einer ganzen Region (Zamość) veranlasste (70 000 Menschen) … Bis 1944 agierte Krumey in Litzmannstadt, dann wurde er Stellvertreter von Adolf Eichmann, in Ungarn. Mit dem Auftrag, die ungarischen Juden in den sicheren Tod zu schicken. Mehr als 400 000 Frauen, Männer und Kinder wurden in Auschwitz ermordet.

Am Kriegsende geriet Krumey in Südtirol in Kriegsgefangenschaft. 1947 war er wieder in Deutschland, landete im Nürnberger Zeugengefängnis (angeklagt war er nicht!), ging dann nach Hessen, wo seine Familie mittlerweile lebte. Bis er zur Rechenschaft gezogen wurde, dauerte es Jahre. Die Spruchkammer hatte ihn als „Aktivist“, später als „Mitläufer“ eingestuft. So konnte er sich unter dem Label „Vertriebener“ (Sudeten!) selbstständig machen und politisch engagieren, bei den Vertriebenen und in der Kommunalpolitik. Mehrmals wurde er verhaftet – und wieder freigelassen. 1964 verurteilte ihn ein Frankfurter Gericht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen zu fünf Jahren Zuchthaus. Ein Skandal – dann die Revision: 1969 bekam Krumey lebenslanges Zuchthaus. 1976 konnte er das Gefängnis allerdings verlassen - aus Gesundheitsgründen. 1981 starb er.

Warum erzähle ich von diesem Mann? Weil Hermann Krumey ein Lebensborn-Vater war. Zuerst ist mir seine Ehefrau aufgefallen – ihr Name stand auf einer Liste, die neue Geburten an die Lebensborn-Zentrale meldete. Sie hatte nämlich im Oktober 1939 in „Heim Friesland“ einen kleinen Jungen zur Welt gebracht. Schon ein paar Wochen früher tauchte auch Hermann Krumey dort auf. Seit Mai 1939 war er bei der 88. SS-Standarte Bremen eingesetzt – und gehörte zu den „SS-Führern“, die bei einer Namensgebung in „Heim Friesland“ die Patenschaft für ein Lebensborn-Kind übernahmen. Wenn es um das „wertvolle“ Leben ging, engagierte sich Krumey - jedenfalls an diesem Tag. Ob er sich später um sein Patenkind gekümmert hat? Und wie sah es überhaupt mit den eigenen Kindern aus, die als Nachkommen eines SS-Führers ja per se „wertvoll“ sein mussten?

Ich habe Hermann Krumeys Lebensborn-Sohn gesucht - und gefunden. Wir haben miteinander gesprochen, aber er wollte nicht sprechen. Weil er den Verdacht hatte, dass ich ihn über seinen Vater ausfragen wollte. Dass seine Lebensborn-Geburt mein Thema sein könnte, konnte er sich nicht vorstellen. Erzählt hat er trotzdem noch dies und das: Dass Mutter und Kinder 1941 zurück in den (nun zu Deutschland gehörenden) Sudentengau gegangen waren. Dass über die Lebensborn-Geburt und den Lebensborn nicht gesprochen wurde – er aber auch nicht gefragt habe. Dass er christlich getauft ist ... 

Tatsächlich hätte ich gerne gewusst, was für ein Vater dieser Hermann Krumey war. Ein Mann, der Hunderttausende in den Tod geschickt hat, Männer, Frauen und Kinder. Kinder! Wie ein Mensch das vereinbaren kann? Die Erklärung mit der NS-Rassenideologie reicht mir nicht. Für mich bleibt das bewußte, geplante mörderische Agieren eines Menschen immer ein Rätsel.

Wer noch mehr über Krumey wissen will - hier zwei Hinweise:

Marion Lilienthal: Hermann Krumey – Manager der Judenvernichtung

Interview zum Urteil über den NS-Verbrecher Krumey, Februar 1965

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