
Michael an einem seiner Lieblingsorte: Im Garten des Berliner Mies-van-der-Rohe-Hauses ©Tristan Vankann
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Michael ist einer von ihnen. Er ist heute 84 Jahre alt, ziemlich gesund und ziemlich aktiv. Erst 2008 hat er angefangen, sich mit den dunklen Kapiteln seiner Geschichte zu beschäftigen. Was er nach und nach herausgefunden hat: Dass sein Geburtsort Bad Polzin - Lebensborn-Heim „Pommern“ bedeutet. Dass seine Mutter ihn lange in Lebensborn-Heimen zurückgelassen hat. Dass sein Vater nicht zum Widerstand des 20. Juli 44 gehörte, wie seine Mutter erzählt hatte. Sein Vater war ein hochrangiger Wehrmachtsoffizier mit Verantwortung für Kriegsverbrechen, in Polen, in Griechenland. Und er hatte Familie, Frau und Kinder – Halbgeschwister von Michael also! Michael gibt gerne Interviews. Er will mit den falschen Vorstellungen vom Lebensborn in den Köpfen aufräumen – und klar machen, dass hinter der „Fürsorge für Mütter und Kinder“ die Rassenideologie der Nationalsozialisten stand. Lieber als diese professionellen Kontexte sind ihm allerdings die Begegnungen mit „Publikum“, mit seinen Reaktionen, seinen Fragen. Begeistert erzählt er davon, dass nach einem Vortrag Menschen zu ihm kommen, ihm die Hand drücken, ihn ermuntern, weiter zu machen. Alles ältere Leute, könnte man denken, tatsächlich sind immer jüngere Menschen darunter! Und manchmal hat Michael nur mit Jungen zu tun. Zwanzig-, fünfundzwanzigmal hat er schon in Klassenzimmern oder einer Schulaula gestanden, vor Schülerinnen und Schülern. Die sind oft gut vorbereitet, hat er festgestellt – und haben Fragen, historische und persönliche. Sie wollen wissen, wie es für ihn war, als er feststellte, dass seine Mutter ihn mit einem Lügengespinst stumm gemacht hatte. Oder als er seine Halbgeschwister getroffen hat. Oder als sein Sohn nach Griechenland gefahren ist, an den Ort, den sein Großvater hatte ausradieren lassen … Erst neulich, schwärmt er, habe er Besuch von drei Oberschülerinnen aus Thüringen bekommen, jungen Frauen um die 18. Sie schreiben ihre Jahresarbeit über Lebensborn. Schon seit einem halben Jahr schicken sie ihm ihre Fragen und Überlegungen, und er antwortet ausführlich, schickt Material, bestärkt sie in ihrem Projekt. Nach der vierstündigen (!) Begegnung mit Michael sitzen die Drei jetzt an ihrer Präsentation … Sie wollen es wirklich wissen, erzählt Michael, nicht nur aus historischen Gründen. Sie wollen auch herausfinden, wie es in ihm aussieht – offenbar mit Erfolg: „Wir konnten hinter die Person Michael schauen“, schreiben sie in ihrer Dankeschön-Mail. Und sie haben noch einen Grund für ihr Engagement: Sie leben in einer Gegenwart, in der Rassismus präsent ist. Schmerzt es nicht, immer wieder über die eigene Biografie zu sprechen und über den Kontext, in dem sie begonnen hat? Es sei „gelebte Geschichte“, sagt Michael zuerst. Dann schiebt er nach: Das Sprechen bringe ihn immer wieder zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Und es sei auch „ein Stück Befreiung“. Aber wichtiger – und nun wird er wieder allgemein - wichtiger sei es, die Jungen zu warnen: Passt auf! So kann es gehen! Mehr über Michaels Biografie steht in meinem Buch „Lebenslang Lebensborn. Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde“. Erschienen im Piper Verlag |


