Sie nutzte die Gerüchte ... Halina Auderska, aktiv im polnischen Widerstand ©Bednarska

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Noch einmal: Die Gerüchteküche
 

Da sie immer noch nicht aus der Welt sind, muss ich mich wohl hin und wieder
mit den Gerüchten über den Lebensborn befassen. Schließlich sind viele ZeitgenossInnen nach wie vor der festen Überzeugung, die SS-Organisation sei eine „Zuchtanstalt“ gewesen, in der ausgesuchte Frauen und Männer zwecks Kinderzeugung zusammengebracht wurden. Oder ein „SS-Bordell“ … Dass beides falsch ist, nachgewiesenermaßen falsch – davon lassen sie sich einfach nicht überzeugen.

Tatsächlich kursierten die Gerüchte schon während der NS-Zeit - und sie wurden für bare Münze genommen! 1944 erkundigte sich eine junge Lübeckerin bei Himmler,
ob die „so genannten Begattungsheime“ wirklich existierten und ob man ihr eine Adresse nennen könne.[1] Offenbar eine „Willige“. In der Mehrzahl zeugen die Äußerungen von Unbehagen, Kritik und Protest. „Parteigenossinnen“ schätzten den Lebensborn wegen seiner Fama gering. Ehefrauen von SS-Angehörigen lehnten ab, dort zu entbinden. Die NS-Frauenschaft Württemberg-Hohenzollern konstatierte eine „Entwürdigung der deutschen Frau“ und ein „Unrecht an den vaterlosen Kindern“ – und schickte ihren Protest nach Berlin. Eine Gruppe von SS-Scharführern trat geschlossen aus der Lebensborn-Mitgliedschaft aus. Der Bischof von Münster predigte gegen „freien Geschlechtsverkehr“ und „uneheliche Mutterschaft“. Ein Generalleutnant Groppe reichte die Himmler-Befehle nur kommentiert weiter: Sie seien „schamlos“, weil sie „unsere Frauen und Töchter zum Freiwild für die SS und Polizei“ stempelten.[2]

Lebensborn, NS-Propaganda und -Führung hielten mit den gängigen Feindbildern dagegen. 1944 schrieb die Dresdener Zeitung:

„Über die Heime des ´Lebensborn´ hat sich die Phantasie des Feindes mit typisch jüdischem Zynismus ausgelassen. Was er hier an übelsten Gerüchten über Wahl-, Zwangs- oder Serienzeugungen ausstreut, kennzeichnet nur allzu deutlich den Urheber.“[3]

Als Gerüchte-Urheber Nummer 2 wurden die „Schwarzen“, d.h. die Katholiken 
ins Visier genommen.[4] Und natürlich Leute wie Groppe, der umgehend aus seiner Position „entfernt“ wurde.

Einen tatsächlichen Urheber - den polnischen Widerstand mit seiner „Aktion N“[5] - hatten die Nationalsozialisten offenbar nicht im Blick. In dieser klandestinen Gruppe versuchten Frauen und Männer, mit psychologischer Kriegsführung Zweifel und Unruhe in der deutschen Bevölkerung zu schüren. Eine von ihnen war die Schriftstellerin Halina Auderska. In ihren Erinnerungen berichtet sie, wie sie NS-Propaganda, NS-Politik und kursierende Gerüchte aufgriffen, verstärkten und mit täuschend echt wirkenden Flugblättern, Befehlen, offenen Briefen oder Plakaten unter deutschen Soldaten und deutscher Zivilbevölkerung verbreiteten. Papier, Schrift, Layout, der offizielle Nazi-Ton – alles wurde nachgeahmt. Auch die Herausgeberschaft war schlüssig: Angeblich stammten die Schriftstücke vom Oberkommando der Wehrmacht, von der NSDAP, von NS-Führern, NS-Organisationen etc. Zum Beispiel heißt es in einem „Gesundheits-Merkblatt des NS-Ärztebundes“, gerichtet an Front-Soldaten …

„Die einzigen Männer, mit denen deutsche Frauen in der Heimat zusammenkommen, sind Deutsche wie ihr, sind hochwertige Parteigenossen, sind möglicherweise unsere Bundesgenossen … was man euch über geschlechtliche Ausschweifungen in der Heimat, über Unmoral und liederliches Leben Eurer Frauen und Töchter erzählt hat, ist infame Feindlüge … So wie die deutschen Frauen freudig und blindlings dem Ruf: Mehr Kinder! folgen, solltet auch ihr ihnen hilfreich und würdig zur Seite stehen … in Briefen voller Nachsichtigkeit solltet ihr eure Freude über den Kinderzuwachs … Ausdruck geben … Erste Pflicht eines Nationalsozialisten ist es aber, alle Kinder, die ihm seine Frau während des Krieges gebärt, als seine eigenen anzuerkennen …“

Ob und wie diese psychologische Kriegsführung wirkte? Ob Generalleutnant Groppes Befürchtung eintraf,

„… dass Verheiratete aus Angst um das Schicksal ihrer Frauen und Töchter … sich ohne Erlaubnis in die Heimat begeben …“?

Vermutlich haben sie Verunsicherung und Misstrauen unter „den an der Front stehenden Truppen“ genährt. Der Feldpostbrief eines Gefreiten Müller an das Rasse- und Siedlungshauptamt SS zeugt davon: Er bittet um Aufklärung über den Lebensborn – und über die Gerüchte.[6]

 

[1] Bundesarchiv Berlin (BArch) NS19/204

[2] Parteigenossinnen: Arolsen Archives 4.1.0 / 82448958, Ehefrauen: Arolsen Archives 4.1.0 /82448902, NS-Frauenschaft: Staatsarchiv Ludwigsburg EL 903/5 Bü 19, Austritte: Arolsen Archives 4.1.0 / 82448800. Galen: hhttps://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/599.html), Groppe: zitiert nach Ulrich Bonse: Der Schandbefehl des Reichsführers. S.3.
Die Quellenangaben für die aufgeführten Beispiele (und mehr) findet man in meinem Buch „Unbrauchbare Väter“ S. 23-28

[3] Dresdener Zeitung vom 19.9 1944, zitiert in Otto Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1942-1945, Bd. 2, S. 589

[4] BArch NS48/31, Arolsen Archives 4.1.0/0008/00054

[5] Dank an die polnische Professorin Joanna Bednarska, die mir diese Quelle zur Verfügung gestellt hat

[6] Arolsen Archives 4.1.0 / 82448951

 

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