Gleich bin ich da ... in Steinhöring ©dsk

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Stippvisite in Steinhöring
 

Ich bin in München, im Staatsarchiv, und lese Akten. Fünf Tage sind eingeplant, Freitagmittag bin ich durch. Da könnte ich doch nach Steinhöring fahren … Die ganze Woche über habe ich Akten aus dem Kontext Lebensborn-Steinhöring studiert. Außerdem war ich seit 20 Jahren nicht mehr dort!
Mit S-Bahn und einem uralten Bähnlein brauche ich eine gute Stunde. Den Weg zum ehemaligen Lebensborn-Heim – heute ein großes Betreuungszentrum für Menschen mit Beeinträchtigungen – kenne ich noch. Aber dass Haus und Gelände so nah am Dorfkern liegen, gerade mal 10 Minuten Fußweg – das hatte ich vergessen.

Der weiße Turm am Eingang steht wie eh und je – und dort hängt mittlerweile eine große Infotafel zur Geschichte des Hauses. Dem Lebensborn (1936 bis 1945)
ist der größte Abschnitt gewidmet, am Text gibt’s nichts zu meckern. Das alte Hauptgebäude … ist eine Baustelle, gesichert mit einem Bauzaun. Wird hier modernisiert? Das Haus wurde 1938/39 vom Lebensborn gebaut. Bei meinem letzten Besuch konnte ich die Eingangshalle und den rückwärtigen Balkon besichtigen, damals wirkte alles - wie damals. Leider ist niemand zu sehen, den ich fragen könnte, was geplant ist …
Ob die steinerne Mutter-und-Kind-Skulptur noch da ist? Ja, sie steht an Ort und Stelle, auf der Rückseite des Hauses, umgeben von Büschen, Bäumen, Hecken und Wiese. Die wegzuschaffen kostet vermutlich eine Menge Geld – und warum auch? Eine Frau mit Kind an der Brust … auch wenn die NS-Ästhetik keine Freude macht. Die Überreste eines alten Zauns kann ich allerdings nicht finden: Sie waren fest auf die Wand eines Holzschuppens montiert, und wenn man genau hinschaute, konnte man darauf die SS-Runen entdecken. Ich habe das immer als historisches Zitat gelesen … vielleicht haben andere Menschen das anders gesehen.

Ich laufe übers Gelände. Viele Gebäude sind für mich neu - und weil sie offenbar nach und nach entstanden sind, wirkt das Ganze ein bisschen zusammengewürfelt. Aber sie haben ja auch unterschiedliche Aufgaben. Es gibt Wohnhäuser, Werkstätten, eine Schule, einen Kindergarten, eine Reithalle. Natürlich auch ein Verwaltungsgebäude, einen kleinen Laden - und ein „Café Wunderbar“ (leider geschlossen). In der großen Mehrzweckhalle habe ich mal eine Lesung veranstaltet, fällt mir ein, aus meinem Buch „Kind L 364“… Der Teich ist verschlammt und wirkt trotzdem idyllisch, die alten Trauerweiden geben ihm ein zusätzliches Flair.

Hier setze ich mich ein bisschen in die Frühlingssonne – und stelle mir vor, wie zu Lebensbornzeiten schwangere Frauen durchs Gelände spazierten oder junge Mütter den Kinderwagen schoben … Viele steckten in schwierigen Situationen … allein mit einem Kind, das war in den 1930er und 1940er Jahren nicht einfach! Da war die Zeit im Lebensborn-Heim eine Atempause – und vielleicht war es den meisten egal, dass sie als „arische“ Mütter gehandelt wurden. Obwohl die „Wertschätzung“ vermutlich gut tat … So ambivalent und widersprüchlich wird es wohl für viele gewesen sein. Abgesehen von den Einverstandenen, die es auch zu genüge gegeben hat.

Wieder im Zug, das Betreuungszentrum in seiner ganzen Größe im Blick, geht mir durch den Kopf: Wie gut, dass an diesem Ort heute Menschen unterstützt werden, die von den Nationalsozialisten diskriminiert, ausgegrenzt, eingesperrt, verstümmelt - und im schlimmsten Fall ermordet worden wären.

 

PS 1: Ein paar Tage später frage ich im Betreuungszentrum nach. Ich will einfach wissen, was mit dem alten Gebäude geschieht. Es wird saniert, lautet die freundliche Auskunft – und bleibt Förderstätte!

PS 2: Informationen über mein Aktenstudium in München gibt’s in einem der nächsten Blogs

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