Dokumentenschachteln in den Arolsen Archives ©dsk

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Ein Junge aus dem Nirgendwo,
der im Nirgendwo verschwand
 

Rund 2,5 Millionen TD-Akten werden in den Arolsen Archives aufbewahrt. Mit Dokumenten, die von der Suche nach einem Menschen zeugen, der in der NS-Zeit verschwand, verloren ging. Die dickste Such-Akte umfasst 266 Textseiten, in deutscher, englischer, polnischer, französischer Sprache. 266 Seiten, die von einem polnischen Jungen erzählen, der 1942 geraubt wurde. Zuerst hieß er Kazimierz Kedrolinski, später wurde er in Klaus-Peter Burckhardt umbenannt.
Ich nenne bewusst seine Namen. Warum? Das dürfte am Ende klar sein.
Und das ist seine „Geschichte“.  
Kazimierz kommt im April 1937 in Łódź zur Welt. Er landet im Waisenhaus, seine Eltern sind unbekannt. Im September 1938 nimmt Stanisława Grabowska ihn als Pflegekind zu sich. Drei Jahre später wollen deutsche Schwestern ihn wegholen. Stanisława Grabowska wehrt sich, bringt Kazimierz dann aber selbst in das Heim in der Mark-Meißen-Str. 66 – ein „Übergangsheim“. Dorthin verfrachten die selbsternannten deutschen Rassenspezialisten Kinder, die „germanisiert“ werden sollen, weil so genanntes „gutes Blut“ in ihren Adern fließt. Vier Monate später findet die Pflegemutter den Jungen in einem anderen Heim der Stadt – doch dann ist er plötzlich „fort“. Stanisława Grabowska erfährt nicht, wo er ist.
Tatsächlich hat man Kazimierz zuerst nach Bruckau, dann nach Bad Polzin gebracht, ins Lebensborn-Heim „Pommern“ - an einen Ort, von dem aus polnische Raubkinder an deutsche Pflegeeltern vermittelt werden. Dort taucht im Oktober 1942 Freya Buckhardt auf - sie und ihr Mann wollen ein Kind adoptieren. Fünf Jungen werden ihr vorgestellt. Sie entscheidet sich für Kazimierz, weil er der Ruhigste ist. Wegen einer Geburtsurkunde wird sie vertröstet, auf ihre Frage nach einer Kleiderkarte gibt man ihr ein Exemplar, das auf ein Mädchen namens Kazimiera Kedrolinski ausgestellt ist. Ein Schreibfehler? Oder gibt es eine Kazimiera, deren Karte jetzt einem Jungen zugeschrieben wird, der im Heim „Fritz“ heißt? 
Die Burckhardts nennen ihn Klaus-Peter, eine Geburtsurkunde wird später auf ihren Namen ausgestellt – vermutlich vom Lebensborn-Standesamt L in München. Bis 1944 lebt der Junge im Elsass, der Pflegevater, ein Polizeihauptmann, ist dort als Werkschutzleiter“ eingesetzt. Dann müssen die drei das Elsass verlassen und landen schließlich in der Münchner Gegend. Dort wird Klaus-Peter 1948 vom Polnischen Roten Kreuz aufgespürt – Stanisława Grabowska, die polnische Pflegemutter, hatte einen Suchantrag gestellt.
Nun beginnt der zweite Teil des Dramas: Burckhardts wollen den Jungen nicht hergeben, er selbst, mittlerweile elf Jahre alt, will nicht nach Polen. Trotzdem wird er im Juni 1949 abgeholt und nach Alexandrow gebracht, wo die polnische Pflegemutter inzwischen lebt. Später stellt sich heraus, dass er nur wenige Tage bei ihr geblieben ist und sich dann davon gemacht hat, ohne Gepäck, ohne sein Fahrrad. Als die deutschen Pflegeeltern das erfahren, setzen sie alle Hebel in Bewegung, um ihn zu finden. Ohne Erfolg. Im Februar 1951 kommt plötzlich einen Brief von Klaus-Peter. Er ist in einem Kinderheim in Koszalin und bittet, ihn nach Deutschland zu holen. Ein paar Wochen später ein zweiter, verzweifelter Brief, schließlich ein dritter … Die Antworten der deutschen Pflegeeltern erreichen ihn offenbar nicht. Stattdessen kommt einer ihrer Briefe zurück mit der Information, der Junge sei abgemeldet, sein Aufenthaltsort unbekannt …
Im Mai 1951 teilt ihnen das Polnische Rote Kreuz mit: Kazimierz sei in einem Heim, seine „Re-Education“ werde mit besonderer Sorgfalt durchgeführt. Um ihn darin nicht zu "stören", bekommen sie keine Adresse.  
Mit diesem Dokument endet die Arolser Such-Akte TD 1480446.

Was ist mit dem Jungen geschehen? Auf dem Weg von der polnischen Pflegemutter zu den deutschen Pflegeeltern? Auf dem Weg von den deutschen Pflegeeltern in ein polnisches Heim, wo er zum zweiten Mal um-erzogen werden soll? 

Ich habe Kazimierz´ Geschichte 15-, 16jährigen Schülerinnen und Schülern in polnischen Połczyn-Zdrój erzählt, während einer Veranstaltung über Raubkinder.
Ich habe ihnen das Verbrechen des Kinderraubs, verübt von selbsternannten deutschen Rassenspezialisten, genau beschrieben.
Ich habe versucht, ihnen die Ambivalenzen der Rückführung zu vermitteln: Den Wunsch der deutschen Pflegeeltern, den Jungen zu behalten bzw. zurück zu bekommen. Dessen verzweifelte Versuche, seine Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das politische Interesse polnischer Institutionen, die geraubten Kinder zurückzuholen.
Ich habe ihnen erzählt, dass in einem deutschen Telefonbuch ein Mann mit Kazimiers deutschem Namen steht.
Ich habe sie gefragt, ob ich ihn anrufen soll, um herauszufinden, ob er „der Richtige“ ist. Sie haben fast einstimmig für „anrufen“ gestimmt.
Ich habe lange gezögert. Schließlich habe ich mit-erlebt, was es bedeutet, wenn ein alter Mensch nicht mit seiner Geschichte konfrontiert werden will. Wenn er plötzlich seine ´wirkliche Geschichte´ erfährt. Schließlich habe ich angerufen …
Er war nicht „der Richtige“. Seine junge Stimme hat mich überzeugt.
Ich habe einen Historiker aus Koszalin gebeten (er war in Połczyn-Zdrój dabei), in seinem Archiv nachzuschauen, ob er eine Spur von Kazimierz Kedrolinski findet. Der Junge war schließlich in Koszalin im Heim! Leider habe ich nichts mehr von dem Kollegen gehört …

Vielleicht lebt Kasimierz Kedrolinski oder Klaus-Peter Burckhardt noch. Vielleicht hat er Kinder ... oder es gibt andere Menschen, die sich an ihn erinnern ...

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