
Eine Lebensborn-Mutter aus "Heim Friesland". Sie wollte mir ihre Geschichte erzählen ... ©dsk
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| Verpasste Gelegenheiten | |
Heute bedauere ich, dass ich nicht zu Frau S. gefahren bin. Eine Lebensborn-Mutter, die drei Heime kannte und am Kriegsende die Evakuierung mitgemacht hatte. Die mit Überzeugung dabei war – denn aus der Vormundschaftsakte wusste ich inzwischen, dass sie SS-Schwester (NSV-Schwester?) gewesen war. Und dass sie in der SBZ/DDR als Neulehrerin gearbeitet hatte … Was für eine Kombination! Frau S. ist nicht die einzige InterviewpartnerIn, die mir entgangen ist. Eine andere Lebensborn-Mutter, die quasi vor meiner Haustür (damals noch Bremen) wohnte, habe ich regelrecht versetzt. Ihr Sohn hatte mir ihre Telefonnummer gegeben – und als ich Frau B. anrief, hatte sie offen und interessiert reagiert. Doch dann hatte ich mit anderen Themen alle Hände voll zu tun und das Lebensborn-Thema für einige Zeit beiseitegelegt … Irgendwann informierte mich ihr Sohn, dass sie gestorben sei – aber immer wieder gefragt habe, wann ich sie denn besuchen komme? Nun hatte ich nicht nur ein schlechtes Gewissen, dass ich die alte Frau versetzt hatte, sondern ärgerte mich über mich selbst. Da hatte es noch eine Zeitzeugin aus „Heim Friesland“ gegeben – und bestimmt hätte sie eine weitere Facette über den Alltag im Lebensborn-Heim am Bremer Stadtrand hinzugefügt. Auch Aloisy Twardecki – als Kind in Polen geraubt, über das Lebensborn-Heim in Bad Polzin nach Deutschland verfrachtet, als Jugendlicher zu seiner polnischen Mutter zurückgekehrt – auch Aloisy Twardecki habe ich verpasst. Er starb kurz vor unserem verabredeten Interviewtermin. Ich hatte zuerst gezögert, als er mich zu sich nach Warschau einlud. Doch dann stellte sich heraus, dass er nicht nur aus demselben Städtchen stammte wie Klaus B., „mein“ Raubkind (über das ich gerade recherchierte und schrieb), dass er nicht nur im selben Deportationszug wie Klaus B. gesessen hatte, sondern dass er sich sogar erinnern konnte, was damals passiert war - da wollte ich ihn unbedingt treffen. Doch dann war es zu spät … Drei verpasste Gelegenheiten … Dabei habe ich so oft einen Korb bekommen, wenn ich bei einem Lebensborn-Kind angeklopft und um ein Interview gebeten habe („das Thema interessiert mich nicht“, „ich kann Ihnen nichts erzählen“, „Sie wollen doch nur über meinen Vater sprechen“ etc.) – und dann lasse ich Gelegenheiten verstreichen. Schade, sehr schade. Aber vorbei. Nachtrag: |
