Im Schaufenster vom Celler "CulturCaufhaus"
spiegelt sich der halbe Straßenzug ©dsk

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Celle, Wienhausen, Bargfeld
Eine spätsommerliche Landpartie
 

Früher habe ich über „die Alten“ gespottet, die im Schwarzwald, an der Nordsee oder in Bayern Urlaub machten. Heute bin ich selbst auf „Deutschland-Tour“ – allerdings auf Seitenwegen. Denn auch da gibt es jede Menge Landschaft, Kultur und Geschichte zu entdecken. Zum Beispiel in der Gegend von Celle, am Südrand der Lüneburger Heide.

Zu Celle fiel mir zuerst das „Celler Loch“ ein: Der Verfassungsschutz hatte 1978 ein Loch in die Gefängnismauer gesprengt, um einen Befreiungsversuch der RAF vorzutäuschen. Davon ist in Celle natürlich nichts mehr zu sehen. Dafür prächtig sanierte Fachwerkhäuser, das älteste von 1526 – knapp fünf Jahrhunderte später von einem iranischen Teppichhändler vor dem Verfall gerettet. Das weiße Barock-Schloss, auf Grundmauern aus dem 13. Jahrhundert. Welfenherzöge gibt’s dort nicht mehr, dafür ein Museum. Das Rathaus hat einen prächtigen Weserrenaissance-Giebel, es gibt einen französischen Garten – und eine Synagoge, die den Nazi-Furor ohne Zerstörung überstanden hat.
Häftlingen aus drei KZ-Außenlagern ist das nicht gelungen. Im April 1945 (!) steckte man mehr als 3000 Frauen und Männer in einen Güterzug (ein so genannter „Räumungstransport“), der bei einem Bombenangriff auf Celle Treffer abbekam. Mehrere hundert Häftlinge starben, viele konnten fliehen – und wurden von SS, Volkssturm, Hitlerjungen, Wehrmacht, Polizei und „normalen“ Bürgern verfolgt, erschossen, erschlagen. Nur 300 haben überlebt. Ein Mahnmal gibt es erst seit 1992!

Die ruhige Flusslandschaft rund um Wienhausen - ein Dorf ein paar Kilometer Aller-aufwärts - hat etwas Tröstliches. Hier kann das Wasser (fast) noch selbst bestimmen, wo es langfließt. Hier gibt es uralte Eichen, manche so knorrig und dick, dass fünf Menschen sie kaum umfassen können. Hier liegt – völlig intakt und sehr lebendig – ein Frauen-Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Gestiftet von einer adligen Dame, bis zur Reformation von Zisterzienserinnen bewohnt. Dann wurde das Kloster protestantisch – und das ist es geblieben. Die sechs „Konventualinnen“, die heute darin leben, sind stolz auf die Geschichte und pflegen die Tradition.
Besonders sehenswert ist die Kirche. Hinter einem engmaschigen Holzgitter verbirgt sich ein gotisches Nonnenchor: Wände und Decke sind komplett ausgemalt, gold glänzt ein Flügelaltar, und der 800jährige Eichendielenboden zeigt anschaulich seine Nutzungsgeschichte. Mit ihren Holzschuhen haben die Nonnen regelrechte Kuhlen hineingetreten.
Hier beteten die frommen Frauen – die Arbeit, zu der sie das Zisterzienser-Gelöbnis „Bete und arbeite“ verpflichtete, bestand vor allem aus Sticken. Dabei entstanden großformatige Bildteppiche, im „Klosterstich“, der das Grundgewebe komplett bedeckt. Die seltene Kostbarkeit kann man heute in einem kleinen Museum bewundern. Wenn man sich das vorstellt: Frauen, die stundenlang, jahrelang sticken, oft bei 6 Grad Raumtemperatur!  

Auf der Westseite des Klosters liegt ein großer Park, dahinter breiten sich die Allerwiesen aus. Man kann ein Stück weit dem Jakobsweg folgen oder auf anderen Wanderwegen die Gegend erkunden. E-bike-betrieben ist man schnell in der Lüneburger Heide, besucht vielleicht das Haus des Schriftstellers Arno Schmidt in Bargfeld … oder fährt einfach ohne Ziel durch diese eigenartige Landschaft, die – wie könnte es anders sein – von der Eiszeit geprägt ist. 

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