Paul Weber: Das Gerücht (1943)



Ein Gerücht ist ein Gerücht ist ein Gerücht …
 

„Es gibt so viele Mythen und Gerüchte über die NS-Zeit. Auch Sie, liebe Frau Schmitz-Köster, werden das Gerücht über die "Zuchtanstalt" Lebensborn nicht aus der Welt schaffen“. Der Satz des Delmenhorster Museums-Direktors Kaldewei hat mich damals – im Jahr 2000 - wahnsinnig geärgert. Wir arbeiteten an der ersten Ausstellung zum Thema „Lebensborn“ – und ich dachte, mit meinem Buch „Deutsche Mutter, bist du bereit … Alltag im Lebensborn“ und mit der nun folgenden Ausstellung wäre das Gerücht über die SS-Organisation aus der Welt.

„Ach ja, die Zuchtanstalt das Nazis“ – wie oft hatte ich das während meiner ersten Recherchen über den Lebensborn gehört. Und gemerkt: Widerspruch und Erklärungen waren zwecklos. Das Gerücht, das schon in der NS-Zeit kursierte, war in den Köpfen fest verankert – auch wenn der Historiker Georg Lilienthal längst nachgewiesen hatte, dass es nicht den Tatsachen entsprach.
Im Jahr 2000 war ich noch optimistisch. Meine Recherchen fügten schließlich Lilienthals Dokumenten-basierten Forschung die Stimmen von ZeitzeugInnen hinzu. Das würde die Welt überzeugen.
Fehlanzeige. Bei jeder Veranstaltung, jeder Lesung, jeder Ausstellung, jedem Interview – immer kam die „Zuchtanstalt“ aus der hintersten Ecke. Und wenn ich erklärte, argumentierte, zitierte sah ich meinem Gegenüber häufig an, dass sie mir nicht glaubten.
Dann habe ich nachgefragt: Woher wissen Sie das? Eine alte Tante habe das erzählt, sie sei leider schon gestorben, hörte ich. Eine Cousine habe eine Frau im Zug getroffen, die habe erzählt … Und: Ich kenne einen, der war bei der SS, der hat das erzählt. Wenn möglich, bin ich den „Quellen“ nachgegangen. Den ehemaligen SS-Mann habe ich zum Interview getroffen. Ja, er habe davon gehört. Aber nein, erlebt habe er das nicht. Eine Fehlanzeige nach der anderen!

Später dachte ich: Okay, das sind die Alten, die halten an ihren Glaubenssätzen fest. Leider falsch. Wenn die Jungen das Wort „Lebensborn“ überhaupt kennen, dann zusammen mit dem Begriff der „Zuchtanstalt“.
Erst neulich, im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ (3.10.2023). Da erzählte die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke (Jg. 1958) im Interview von einem Lehrer, der beim Thema Nationalsozialismus zu ihr - jung und blond - sagte:
"Dich hätten sie damals auch in die Zuchtstation geschickt".
Die beide Journalistinnen, die Funke interviewen, darauf eifrig: "Die Lebensborn-Heime, in denen Arier gezüchtet werden sollten - war er ein alter Nazi?"
Funke: "Nein, im Gegenteil. Er wolle uns klarmachen, wie es noch wenige Jahre vorher zugegangen war."

PS Es gibt andere „Junge“, das soll nicht unerwähnt bleiben: Schülerinnen, Studentinnen, junge Wissenschaftlerinnen haben längst die perfide Geburten- und Rassenpolitik der SS, der gesamten NS-Systems begriffen. Die „gelenkte Zeugung“, denn nichts anderes meint die „Zuchtanstalt“, gehörte nicht dazu. Aber die Auslese, die Förderung der „Wertvollen“ und die Vernichtung der angeblich „Wertlosen“!
Fragt sich, warum der Lebensborn angesichts dieser Fakten immer noch "erotisch" aufgeladen werden muss.

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