Bożena Łukomska freut sich,
dass alles so gut geklappt hat ©dsk

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Gedenken auf Polnisch 2:
Erinnern an einem historischen Ort
 

„In Połczyn-Zdrój – früher Bad Polzin – gibt es eine Lehrerin, für die Geschichte nichts Vergangenes ist. Eines Tages fand Bożena Łukomska, dass in ihrem Städtchen etwas passieren musste …“
So habe ich vor anderthalb Jahren meinen Blog (Nr. 10) begonnen, in dem ich von einer großen Gedenkveranstaltung erzählte. Auf Initiative von Bożena Łukomska und mit Unterstützung vieler MitstreiterInnen war eine bronzene Mädchenskulptur in der Nähe des ehemaligen Lebensborn-Heims „Pommern“ errichtet worden. Dazu waren Betroffene und ihre Familien gekommen, junge und alte Menschen aus Połczyn-Zdrój, Politiker aus der Region, ExpertInnen, Presse, TV. Die Sonne schien, Chöre sangen, Fahnen wehten, Blumen wurden abgelegt ...

Schade, dachte ich beim Abschied, dass die Skulptur jetzt so einsam im Wald steht. Ob SpaziergängerInnen die Tafel am Fuß der Skulptur lesen? Und wenn, werden sie sich allenfalls wundern … und weitergehen …
Aber ich hatte nicht mit Bożena Łukomska gerechnet. Ein Jahr später stand neben der Skulptur eine Infotafel, die die Hintergründe liefert. Texte, Fotos und Audios in Polnisch, Deutsch und Englisch erzählen, dass in Bad Polzin ein Lebensborn-Heim existiert hat, in dem nicht nur Kinder auf die Welt kamen, sondern auch Raubkinder untergebracht waren. Polnische Kinder zwischen 2 und 6 Jahren, die mit Gewalt verschleppt, „germanisiert“ und dann an deutsche Pflegeeltern vermittelt wurden.

Vor kurzem initiierte Bożena Łukomska ein drittes Projekt: Eine Zusammenkunft in Borkowo, wie das ehemalige Lebensborn-Heim heute heißt. Mit der Möglichkeit, im Haus herumzustreifen, ZeitzeugInnen zu begegnen, Vorträge zu hören … Tatsächlich entdeckte ich im Haus Spuren aus der Lebensborn-Zeit: Der Wintergarten sieht noch so aus wie auf den Fotos, die einige Lebensborn-Geborene von ihrer Namensgebungsfeier besitzen. Im großen Gesellschaftsraum sind Wandpanele und Sitzbänke immer noch an Ort und Stelle. Das Treppenhaus ist unverändert … Und als ich in den dritten Stock kletterte, entdeckte ich einen Platz am Fenster, dessen Geborgenheit zum Verweilen einlädt. Vielleicht hat hier einmal die eine oder andere Lebensborn-Mutter gesessen, um allein zu sein, um nachzudenken – vorausgesetzt, sie durfte dort hinauf.
Die andere Seite von Borkowo – die Gewalt und das Leid, das den Raubkindern zugefügt wurde - rückte Barbara Paciorkiewicz ins Zentrum. Wieviel Kraft es wohl kostet, zum x-ten Mal die eigene Lebensgeschichte zu erzählen … und dabei authentisch zu bleiben.

Zum Abschluss wanderten alle zur Mädchenskulptur. Die stand tapfer im kalten Frühlingswind, gut versorgt mit einem rot-weißen Schal um den Hals. Natürlich wurden Blumen abgelegt, und diesmal wurde nicht gesungen, sondern getanzt. Bis plötzlich die Musik abbrach und eine Sirene ertönte, die jungen Tänzerinnen sich hinkauerten, die Hände zum Schutz über dem Kopf oder auf den Ohren. So landeten wir in der Gegenwart, der Kriegs-Gegenwart, die einige Mädchen schon am eigenen Leib erlebt haben – sie stammen aus der Ukraine.

Wie fantasievoll Gedenken sein kann, wie eindrucksvoll und bewegend – und wie andauernd. Vermutlich hat Bożena Łukomska schon die nächsten Pläne im Kopf!

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