Lebensborn-Heim "Sonnenwiese"
in Kohren-Sahlis, irgendwann
zwischen 1942 und 1945 ©dsk

Beim Klick aufs Bild gibt´s weitere Fotos



Erinnern vor Ort. Eine Bestandsaufnahme
 

Seit ich im polnischen Połzin Zdróy miterlebt habe, wie dort an das ehemalige Lebensborn-Heim „Pommern“ und vor allem an das Schicksal der Kinder erinnert wird, frage ich mich: Wie sieht es in Deutschland damit aus, dort, wo einmal Lebensborn-Heime existiert haben?

Fast überall gab es Vorträge, Lesungen und Veranstaltungen mit Zeitzeugen. In einigen Standorten wurden Ausstellungen gezeigt. Außerdem fanden Führungen über das Gelände statt und manchmal auch durchs Haus …
Aber etwas Bleibendes? Das Spaziergängerinnen und Besuchern mehr oder weniger zufällig begegnet – wie die Mädchen-Skulptur in Połzin Zdróy? Etwas, das sie über den Ort und das Geschehen vor Ort informiert? Das sie zum Nachdenken, Nachlesen, Nachschauen anregt? Bisher kenne ich nur zwei Beispiele.

In Hohehorst gab es viele Jahre ein kleines Archiv. Dort informierten Fotos, Dokumente und einige Objekte – nicht nur über die sieben Lebensborn-Jahre, sondern auch über die Zeit davor und danach. Initiator und Motor war Hans-Werner Liebig, ein Mann aus der Nachbarschaft. Er hatte die Idee und setzte sie in die Tat um: renovierte und richtete den Raum ein, recherchierte und sammelte, bestritt die Öffnungszeiten, informierte die Presse, machte Führungen … Und wurde damit zur Anlaufstelle für Betroffene, für WissenschaftlerInnen, für Menschen aus der Nachbarschaft. Aber mit dem Tod von Hans-Werner Liebig wurde das Archiv geschlossen. Im örtlichen Dorfgemeinschaftshaus wird es gut verwahrt, auf Anfrage auch für Recherchen geöffnet, aber Kapazität zum Ausstellen und Erweitern ist nicht vorhanden.

Auch in Kohren-Sahlis hat eine einzelne Person den Anfang gemacht. Antonia Wagner, eine Gymnasiastin aus dem benachbarten Geithain, schrieb in der Schule eine Facharbeit über Lebensborn. Das „flexible Jugendmanagement“ des Land-
kreises griff das Thema auf und startete mit zwei Gymnasien ein Forschungsprojekt. Gleichzeitig taten sich engagierte Frauen und Männer vor Ort zusammen. Das Ziel: Über Lebensborn allgemein und das Heim „Sonnenwiese“ im Besonderen aufklären. Denn bisher wurde ... geschwiegen. Jetzt organisierte man Veranstaltungen, zeigte eine Wanderausstellung. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten eine Webseite, eine große Info-Tafel, die am Hofeingang des ehemaligen Lebensborn-Heims aufgestellt wurde – und den Text für eine „Stolperschwelle“, die in wenigen Worten über den Ort und seine NS-Geschichte informiert. Leider – das möchte ich nicht unter den Tisch fallen lassen – ist der Text nicht korrekt. Wieder einmal ist von Züchtung die Rede und von „anonym gezeugten Kindern“ – der intendierten Aufklärung wird damit ein Bärendienst erwiesen. Vielleicht lässt sich der Text noch ändern?

Und sonst?
In Nordrach erinnern Gedenksteine an die Stifterin und an PatientInnen der „Rothschildschen Lungenheilanstalt“, die 1940 und 1942 deportiert wurden – danach kam der Lebensborn! Aber davon ist bisher nicht die Rede. Das könnte sich allerdings ändern … Denn „Schloss Rothschild“ - so heißt das Gebäude neuerdings - wird saniert und umgebaut, schicke Wohnungen sollen entstehen. Und ein „Gemeinschaftsraum“, wo unter anderem eine Dauerausstellung zur Geschichte des Gebäudes Platz finden soll. Bis jetzt wird auf der Webseite des Investors im Kapitel „Geschichte“ die Lebensbornzeit allerdings ausgeklammert.

Auf dem Gelände von Steinhöring und Klosterheide stehen bis heute Steinskulpturen aus der Lebensborn-Zeit, beide zeigen eine Mutter mit Kind bzw. mit Kindern. Wäre doch ein idealer Platz für eine Infotafel … Den Lebensborn-Kontext liefert in Steinhöring bisher nur eine jährlich stattfindende Führung. In Wernigerode soll eine Dauerausstellung und ein Informationszentrum entstehen … zu sehen ist davon bisher leider nichts. Und in Wiesbaden? In Ansbach? Weiß jemand mehr?

Zurück zur Übersicht