Ein paar Jahre nach Kriegsende: Stanisława
mit ihren beiden geretteten Söhnen ©Łupika


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Immer wieder gerettet: Die Geschichte von Benedykt
 

Dass sich ein Zwangsarbeiter-Schicksal und eine Lebensborn-Episode in einer einzigen Biografie kreuzen, das kannte ich bisher nur aus der Literatur. In Bad Polzin/Połczyn-Zdrój ist sie mir begegnet, als dort an die Raubkinder erinnert wurde (vgl. Blog 9 und 33). Und obwohl es keine schriftlichen Quellen gibt, sondern
´nur´eine Familienerzählung, will ich Benedykts Geschichte hier aufschreiben. Eine Geschichte, die wie das Leben ist. Verworren, unlogisch, widersprüchlich, grausam – und menschlich.

Benedykts Eltern waren polnische Zwangsarbeiter. Sie stammten aus Oberschlesien, wurden aber zur Arbeit nach Pommern, in der Nähe von Bad Polzin verfrachtet. Als sich Benedykts Geburt ankündigte, schickte man Stanisława, die Mutter, zur Entbindung in ein Lager in Schneidemühl. Die Existenz dieses Lagers lässt sich nicht nachweisen, aber dass Zwangsarbeiterinnen in speziellen Lagern entbinden mussten, war nicht ungewöhnlich. Am 9. Oktober 1944 kam Benedykt, das zweite Kind seiner Eltern, zur Welt. Die Mutter erzählte später, dass die Babys selektiert worden seien, einige habe man weggebracht, andere ermordet, vermutlich mit einer Giftspritze. Aber Benedykt hatte Glück. Eine russische Krankenschwester (auch sie vermutlich eine Zwangsarbeiterin) half Stanisława, mit dem Kind das Lager zu verlassen und an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Aber auch dort waren Benedykt und sein älterer Bruder nicht sicher. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern kann nicht mit ganzer Kraft arbeiten, fand die Lehrerin des Dorfes und sorgte dafür, dass die beiden Jungen weggeschafft wurden. Wohin, erfuhren ihre Eltern Stanisława und Franciszek nicht. Bis ihnen der Gutsbesitzer, ihr `Arbeitgeber´, verriet, dass die Kinder im Lebensborn-Heim in Bad Polzin gelandet waren. Vermutete man bei den blonden Jungen „gutes Blut“? Wollte man sie „germanisieren“?

Stanisława gelang es irgendwie, Kontakt zu ihren Kindern herzustellen. Eine Lebensborn-Schwester – ihren Namen „Charlotta“ vergaß Stanisława nie, und tatsächlich ist eine Schwester Charlotte Müller in Bad Polzin durch ein Dokument belegt – diese Schwester erlaubte Stanisława, die Kinder durch ein Fenster zu sehen. Die polnischen Raubkinder, die in „Heim Pommern“ untergebracht waren, lebten nämlich im Souterrain des Hauses, ein Blickkontakt war also möglich. Wie oft mag Stanisława wohl zum Heim gelaufen sein, um ihre Kinder zu sehen? Wie oft konnte sie ihren Arbeitsplatz verlassen und die sechs Kilometer hin-, sechs Kilometer zurückmarschieren?
„Charlotta“ tat ein Übriges: Als die Rote Armee näher rückte, informierte sie Stanisława über die bevorstehende Evakuierung des Heims. Und die schaffte es, ihre Kinder aus dem Heim zu holen und zu verstecken. Bis der Krieg aus war.

Benedykt und seine Eltern blieben in der Nähe von Bad Polzin, das jetzt Połczyn-Zdrój hieß. Lange bemühten Stanisława und Franciszek sich um eine Geburtsurkunde für den Sohn, aber die polnischen Behörden weigerten sich. Sie hielten Benedykt für ein deutsches Kind aus einem deutschen Lebensborn-Heim. Irgendwann wendete sich das Blatt – und vielleicht war wieder „Charlotta“ dafür verantwortlich. Sie war in Połczyn-Zdrój geblieben, hatte dort geheiratet und eine Familie gegründet. In den 1970er Jahren gab sie beim Warschauer IPN (Institut für nationales Gedenken) zu Protokoll, was damals geschehen war. Wie auch immer: Eines Tages wurde Benedykt als Pole anerkannt und bekam eine polnische Geburtsurkunde.

Dass sein´Kainsmal´ verschwindet, dafür hatten seine Eltern schon früher gesorgt. Solange sie denken konnten, trug Benedykt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ein Tattoo - ein „T“. Woher es stammte, was es bedeutete, wusste niemand. Waren die Babys im Entbindungslager damit markiert worden? Oder stammte es aus dem Lebensborn-Heim? Jedenfalls musste das „T“ fort -- was blieb, war eine Narbe. Doch auch sie sorgte hin und wieder für Ärger.

All das – die verweigerte Urkunde, das Tattoo, die Narbe, das Gerede der Leute - all das verschloss Benedykt den Mund. Er schwieg über seine Geschichte. Er wollte sich schützen, später wollte er seine Kinder schützen. Bis er sich im Alter doch noch entschloss, einem Fremden seine Geschichte zu erzählen. Er war sogar einverstanden, dass sie in die Zeitung kam – nur seinen Namen, den wollte er dort nicht lesen.  
Seine Tochter Emilia fand den Artikel und hatte sofort den Verdacht: Das ist die Geschichte meines Vaters. Nach langem Zögern fragte sie ihn – und er bestätigte ihre Vermutung. Es war seine Geschichte. Und jetzt verstand die Tochter, warum Benedykt sich seit Jahren dafür stark machte,  dass in Bad Polzin an die polnischen Raubkinder erinnert wird …

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