Grüner Wald und weiße Felsen. In der südharzer Karstlandschaft ©dsk

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Wandern in Geschichte(n). Ein paar Tage im Südharz
 

Eigentlich sind wir zufällig nach Walkenried geraten. Für den kleinen Ort am Harzrand sprach: Gut erreichbar mit Öffis und Auto, ein nettes Hotel, ein bisschen Kultur gleich um die Ecke … Tatsächlich entpuppte sich das „bisschen Kultur um die Ecke“ als ehemaliges Zisterzienser-Kloster aus dem 12. Jahrhundert (1129-1525). Geblieben ist bis heute eine gigantische Anlage: Außen spaziert man zwischen meterhohen Mauerresten, dicken Säulenstümpfen und diversen Nebengebäuden herum, drinnen wandelt man durch einen herrlichen Kreuzgang und kommt dann in ein Museum, das das Wirtschaftsimperium der Zisterzienser präsentiert. Mönche und Laienbrüder (zur Blütezeit 80 Mönche, 180 Laienbrüder) bauten nicht nur Kathedrale, Unterkünfte, Krankenhaus etc., betrieben nicht nur Land- und Forstwirtschaft. Die frommen Männer investierten auch im Bergbau und der dazugehörenden Verhüttung, waren am „Harzer Wassergestell“ beteiligt, gründeten eine Bank … und waren mit ihrem Reichtum schließlich so verhasst, dass Bauernkrieger das Kloster schleiften und die Reformation den Rest besorgte.

Nach so viel Geschichte wollten wir in die Natur. Wir entschieden uns für den „Karstwanderweg“, der an Walkenried vorbeiführt. Frischgepflügte, rot-braune Felder, ein herrlicher alter Buchenwald, fast weiße, schroffe Hänge ... Und schon wieder – die Geschichte. Die Karstlandschaft, die den Harzer Südrand umschließt, war einmal ein wichtiger Wirtschaftsraum, wo der Gipsabbau florierte. Heute sind die meisten Steinbrüche ausgebeutet und sich selbst überlassen. Eine Landschaft von eigenartiger Schönheit, in der die Natur sich ihr Terrain zurückholt.
Was ist Gips eigentlich? überlegten wir beim Weitergehen. Wie und wozu wird er verarbeitet? Ein alter Gipsbrennofen mit Erklärtafel (davon gibt es hier viele) erzählte vom Trocknen der zermahlenen Blöcke … und wir erinnerten uns an verputzte Wände, Stuck, Gipsmasken …

Ein paar Kilometer weiter standen wir vor der nächsten „Geschichte“ – vor einem Erinnerungsort. Schon im Wald waren uns verfallene Backsteinmauern aufgefallen. Dann, direkt am Bahnhof von Ellrich, die Erklärung: Die ehemalige Gipsfabrik „Juliushütte“ war in der NS-Zeit ein Konzentrationslager – eins der 40 Außenlager des KZ Dora. 8000 Häftlinge waren hier unter mehr als erbärmlichen Bedingungen untergebracht, um auf Baustellen in der Umgebung zu schuften.

Wo war jetzt eigentlich der Harz? Von Walkenried aus Richtung Norden!
Durch ein enges Tal nach Zorge und von da in den Wald, Richtung „Stiefmutter“
und „schwangere Jungfer“. Ja, so heißen Wegkreuzungen hier wirklich! Oder Wendeleiche – meint Wendel-Eiche. Die war längst umgekippt, aber immer noch beschwert von der Wendeltreppe aus Eisen, die man einmal in sie hineingebaut hatte. Und schon wieder kam die Geschichte um die Ecke. Walkenried und Umgebung waren einmal „Zonenrandgebiet“, hier verlief die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Auf der kann man heute entlangwandern, von Grenzstein zu Grenzstein zu Grenzstein. Rechts die ehemalige DDR mit Blick auf Ellrich, dessen Doppelkirchtürme nach der Wende unbedingt wieder aufgebaut werden mussten. Links der „Westen“ – und zum ersten Mal der tote Wald. Mittlerweile sind 90 Prozent des Harzer Fichtenbestands abgestorben.
Ein Eindruck vom Nachmittag noch: Das tote Holz ist weitgehend gerodet, es hat sich herausgestellt, dass es noch zu gebrauchen ist. Und die Flächen überlässt man häufig sich selbst. Mich hat diese neue Landschaft ans norwegische Fjell erinnert … wenn nicht immer wieder ein Höhenrücken ins Bild gekommen wäre, der Fichtengerippe präsentiert.

Zum Schluss wollten wir unbedingt zur Gedenkstätte „Konzentrationslager Dora“, wo in unterirdischen Tunneln seit 1943/44 Waffen produziert wurden. Darunter die V2, die so genannte „Vergeltungswaffe 2“, die vor allem Antwerpen und London in Schutt und Asche legen sollte. Und wer produzierte sie? In den Tunneln des Kohnstein? KZ-Häftlinge aus 21 Ländern, vor allem aus der Sowjetunion, aus Polen, Frankreich, Belgien … Etwa 60 000 Männer verfrachtete die SS (zwischen August 1943 bis März 1945) nach „Dora“. 12 000 von ihnen starben laut SS-Buchführung, vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens 20 000 Toten aus.
In den ersten sechs Monaten lebten die Männer im Berg, bauten Tunnel und Produktionsanlagen. Dann durften sie draußen essen und schlafen – aber drinnen mussten sie in langen Schichten die Vernichtungswaffen herstellen. Dem Lärm, dem Dreck, der Kälte (permanent 8 Grad), der Feuchtigkeit ausgesetzt, halb verhungert, schikaniert, malträtiert …
Heute ist das weite Außengelände fast leer. Was man sehen kann: Überreste wie die Lagerstraße, eine Reihe Fundamente, das erhalten gebliebene Krematorium und den Hang, über den die Asche der Verbrannten „abgekippt“ wurde. Zwei Baracken wurden rekonstruiert, aus DDR-Zeiten stammen eine Gedenkmauer und Skulpturen, an vielen Stellen erinnern Vertreter der Herkunftsländer an ihre Toten. Und es gibt natürlich ein Museum mit einer beeindruckenden Ausstellung.

Die Tunneleingänge wurden 1947 gesprengt - knapp fünfzig Jahre später ließ die Gedenkstätte einen neuen Zugang bauen. Seitdem gibt es Führungen in die Unterwelt …

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