Auf meine Bitte druckte der Bremer Weserkurier am 6. Dezember 1994 diese Suchmeldung ab

Beim Klick aufs Bild gibt´s ein paar Fotos



 

… mit dieser Suchmeldung habe ich mich 1994 an den Bremer Weserkurier gewandt. Ich kam mit meiner Lebensborn-Recherche nicht voran. Drei Zeitzeuginnen hatte ich gefunden, aber dann ging es nicht weiter. Die Zeitung druckte die kleine Suchmeldung ab - und es funktionierte! Zuerst meldeten sich zwei alte Damen, die mir von „Heim Friesland“ erzählen konnten, dem ehemaligen Lebensborn-Heim gleich hinter der Bremer Landesgrenze. Die eine hatte als Krankenschwester dort gearbeitet, die andere war Lebensborn-Mutter und hatte ihr Kind eine zeitlang dort untergebracht. Dann rief ein Mann aus der Nachbarschaft des ehemaligen Heims an und steuerte Kindheitserinnerungen bei – der Bauernhof seines Vaters grenzte an das Heimgelände. Und ein Tierarzt konnte von der Nachkriegszeit erzählen … Trotzdem blieb es mit der Recherche schwierig.
Der Datenschutz stellte ich quer. Auf das Geburtenbuch von „Heim Friesland“
(es liegt im Standesamt der Nachbargemeinde) durfte ich nur aus großer Entfernung einen Blick werfen. Darin recherchieren? Der niedersächsische Datenschutzbeauftragte sagte „no“. Zum Glück war die Standesbeamtin kooperativ und stellte eine kleine Statistik für mich zusammen - natürlich ohne Namen zu nennen.
Das Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen war für die Öffentlichkeit geschlossen. Immerhin schickte man mir ein paar Speisezettel von „Heim Friesland“ … Dabei besaß und besitzt das Archiv eine Unmenge an Lebensborn-Dokumenten, und viele betreffen „Heim Friesland“. Als 2007(!) die Türen für Forschende und BesucherInnen endlich geöffnet wurden, durchforstete ich diesen Schatz … aber mehr als Notizen und 100 Kopien waren nicht erlaubt. 100 Kopien – das war so gut wie nichts. Im Bundesarchiv konnte ich alle Lebensborn-Dokumente im Lesesaal studieren und so viele Kopieraufträge auf den Weg bringen wie ich wollte. Aber dann dauerte es Wochen, bis die Kopien bei mir eintrafen. Und billig waren sie auch nicht ... 
Telefonbücher gab es damals – 1998 ff - nur in Papierform. Wer wie ich in der gesamten Republik nach Menschen suchen wollte, musste zur Bremer Hauptpost, wo im Eingangsbereich alle Telefonbücher Deutschlands hingen. Es hätte Tage gebraucht, um sie nach mir bekannten (natürlich nur ausgefallenen) Namen zu durchforsten. Nach ein paar Stunden gab ich auf. Später erbarmte sich der Radio-Bremen-Bibliothekar – er hatte eine Telefonbuch-CD in seinem Bestand, eine ganz neue Errungenschaft! Daraus druckte er mir Listen mit Namen, Adressen, Telefonnummern aus. Und ich schrieb Briefe und telefonierte herum ... Immerhin: Zwei, drei Menschen habe ich auf diese Weise gefunden.

Dagegen sind die Recherche-Möglichkeiten heute paradiesisch! Bei den Arolsen Archives (so der neue Name des ITS) spielt die Zahl der Kopien keine Rolle mehr, irgendwann, so heißt es, werden die Lebensborn-Dokumente auch im Netz stehen. Im Bundesarchiv kann man viele Dokumente abfotografieren und Digitalisate bestellen. In den diversen Suchmaschinen braucht es oft nur ein paar Klicks, um eine Person zu finden, vorausgesetzt, sie führt ihren Geburtsnamen …
Und dann die Lebensborn-Kinder! Seit sie in die Öffentlichkeit gingen und gehen – mit Interviews, Vorträgen, Büchern, Zeitungs-, Radio-, TV- und Film-Beiträgen -, wird ein enormes Wissen frei. Über die Organisation Lebensborn und über die Menschen, die in den Heimen gelebt haben, als Angestellte, als Schwangere, als Mütter, als Kinder. Ihre Erinnerungen und Erfahrungen, ihre Fotos und Dokumente haben den Blick für Gemeinsamkeiten und individuelle Unterschiede geöffnet, für die fatalen Folgen der verlogenen bürgerlichen Moral und die Abgründe der NS-Rassenpolitik, für die Ambivalenz von sozialer Unterstützung und Ausgrenzung, für die Bedeutung elterlicher Liebe und für die Verletzungen, die ein Nicht-Willkommen-Sein anrichten kann …
Es ist an der Zeit, sich dafür noch einmal zu bedanken!

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