Die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg
in den 70er Jahren

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Zwei Lebensborn-Kinder und die Stasi
 

Wie in der DDR mit dem Thema „Geburt im Lebensborn“ umgegangen wurde – darüber habe ich bisher nicht viel herausgefunden. Denn auch im anderen Deutschland wurde darüber geschwiegen – von den Müttern, den Pflege- oder Adoptiveltern, den Behörden, den Medien, den Schulen ... Der einzige mir bekannte Roman erzählt die übliche Legende: Auch in Benno Voelkners „Die Schande“ ist der Lebensborn ein Ort gelenkter Zeugung von „arischen“ Nachkommen. Das Bekannt-Ärgerliche also!

Zu diesem Schweigen hat die DDR-Staatssicherheit ihren Teil beigetragen – das weiß ich aus der Geschichte von Ulli W. Er ist im Lebensborn-Heim „Harz“ in Wernigerode geboren, 1943, wurde von seiner Mutter dort zurückgelassen, kam mit einem Jahr ins Lebensborn-Kinderheim „Sonnenwiese“ in Kohren-Sahlis und nach Kriegsende zu Pflegeeltern. Die konnten auf seine Fragen nach seinen biologischen Eltern keine Antwort geben, erzählten ihm aber, er sei ein „SS-Bube“, ein „Nazi-Kind“. Das brachte seine Fragen zum Verstummen. Erst Mitte der siebziger Jahre wurden sie wieder aktuell: Seine Frau fand, er solle sich einmal auf die Suche machen. Also schrieb er ans Standesamt Wernigerode. Statt einer Antwort wurde er zu einer „Aussprache“ an seinem Wohnort einbestellt, beim „Rat des Kreises Altenburg, Abteilung Innere Angelegenheiten“ – bei der Stasi. Dort erzählte man ihm, dass es keine Unterlagen gebe, dass er die Dinge ruhen lassen solle, wenn er weiterforsche, könne er „tüchtig Ärger“ bekommen. Ullis Frau wollte nicht so schnell aufgeben. Prompt kam die zweite Aufforderung zu einer „Aussprache“ – und Ulli verstand: Jetzt herrschte höchste Alarmstufe. Wenn er weitermache … man könne auch anders … er bekäme Probleme am Arbeitsplatz … Also zog er die Bremse.1

Die Stasi war also Komplizin im Kartell des Schweigens, Vertuschens, Lügens. Denn in Wernigerode gab es durchaus Dokumente! Mit ihrer Hilfe hat Ulli einige Jahre später seine Mutter gefunden. Sie lebte in Westdeutschland - vermutlich war das der Grund, einem Menschen die existentiellen Informationen über seine Herkunft vorzuenthalten.

Vor kurzem ist mir eine komplett entgegengesetzte Geschichte begegnet. Da agierte die Stasi nicht als „Wahrheitsverhinderer“, sondern als „Wahrheitslieferant“.
Heute – mit ihren Akten, die im Stasi-Unterlagen-Archiv liegen.
Die Geschichte geht so: Thilo Mischkes Ostberliner Großmutter Karin wurde im Lebensborn geboren - das verrät ihre Geburtsurkunde. Sie kam in „Bad Polzin im Mütterheim Lebensborn e.V.“ zur Welt, am 20. April 1939 um „3 Uhr 5 Minuten“. Ihre Mutter war „gottgläubig“ und von Beruf „Lageristin und Verkäuferin“. Eine Menge Informationen - was fehlt, ist der Name des Kindesvaters. Thilo Mischke fragte seine Mutter, aber die kannte den Namen nicht. Die Großmutter konnte er nicht mehr fragen, sie war schon gestorben …
Also machte er sich auf die Suche, in diversen Archiven, darunter auch im Stasi-Unterlagen-Archiv. Tatsächlich existierte dort eine Akte über seine Großmutter:
Sie war von der Stasi als IM angeworben worden, um Informationen über die Evangelische Akademie Loccum zu beschaffen. Für diese ´Aufgabe´ wurde ihr Hintergrund durchleuchtet. Wer war ihre Mutter, wer ihr Vater? Was wussten die Nachbarn über sie, was der Betrieb? War sie Parteimitglied, war sie gesellschaftlich aktiv? Eine Menge Informationen kamen da zusammen – und darunter auch der Name des Kindesvaters! Und nicht nur das: Die Stasi kannte seine Herkunft, seine Familienverhältnisse, den einen oder anderen Arbeitsplatz. Aus seiner Zeit bei der Deutschen Reichsbahn (1938-1942) besaß sie sogar die komplette Personalakte.

Was die Stasi offenbar ´beiseite´ ließ: Der Kindesvater war seit Juli 1933
SS-Angehöriger – und von 1934 bis 1938 bei der „Leibstandarte Adolf Hitler“! Interessierte das die Stasi nicht? Vermutlich reichte es als Vertrauensgrundlage, dass Karin, seine Tochter, das Lebensborn-Kind, eine überzeugte Kommunistin war ... so ihr Enkel Thilo Mischke.2
Ob Karin den Namen ihres Vaters kannte? Das bleibt ein Geheimnis. Vermutlich ist er im Laufe der Familiengeschichte verloren gegangen … aus Scham? Aus Desinteresse?

1 - Mehr über Ulli W. kann man in meinem Buch „Lebenslang Lebensborn. Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde“ nachlesen
hier die Angaben zum Buch

2 - Mehr zur Geschichte von Thilo Mischke und seiner Großmutter erzählt die dreiteilige TV-Dokumentation „German Guilt“. Sie steht ab 21.1.2026 in der
ZDF-Mediathek

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